PORTRÄT MARIE ERASMUS-STUDENTIN: : „Hey, hier ist Europa, und ich bin mittendrin“

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Am Anfang war ein Film, „L’auberge espagnole“. Als Marie 16 war, hat sie den Film mit ihren Eltern als Video angeschaut. Ihr Vater hat mitgefiebert, als der französische Austauschstudent Xavier in diese WG in Barcelona kam. Die ganzen Typen aus verschiedenen Ländern, die Kneipen, die Freundinnen, war schon eine tolle Zeit. Von der Uni hat man nicht viel gesehen, aber darauf kam es wohl auch gar nicht an. Immerhin war ihr Vater 1987 einer der ersten gut 600 deutschen Erasmus-Studenten. Ihre Mutter wollte beim Abspann wissen: Und, Marie, wo willst du mal dein Erasmus-Jahr verbringen?

Vier Jahre später, Anfang 2012, hat das Austauschprogramm der EU Geburtstag, es wird 25. Und Marie, die fiktive Musterstudentin, ist inzwischen für Wirtschaftswissenschaften an einer Uni in Ostdeutschland eingeschrieben – und „macht Erasmus“ in Madrid. Nicht gerade originell, hatte der Berater im Auslandsamt gesagt und die Statistik heruntergeleiert. Spanien ist das beliebteste Land bei deutschen Erasmus-Studenten, von den 30 000, die im vergangenen Jahr in dem EU-Programm studiert oder ein Auslandspraktikum gemacht haben, waren gut 20 Prozent dort. Dass sie als Wirtschaftswissenschaftlerin ins Ausland wolle, sei auch typisch, die seien viel mobiler als die Natur- und Technikwissenschaftler. Aber insgesamt wollen doch immer weniger ein Auslandsjahr machen, weil im Bachelor keine Zeit ist?, wollte Marie wissen. Es gab nur einen kleinen Knick, hat der Berater gesagt, 2010/11 war schon wieder ein Rekordjahr. Insgesamt waren schon fast drei Millionen junge Europäer mit dem Programm im Ausland!

Nach ein paar Tagen auf dem Campus, im Café und in den Clubs von Madrid simst Marie an ihre Eltern: Hey, hier ist Europa, und ich bin mittendrin, fühlt sich toll an. Nur das mit der internationalen WG hat nicht geklappt. Die Zimmerpreise sind einfach zu hoch für ihr Auslands-Bafög und die 250 Euro Erasmus-Zuschuss pro Monat. Marie teilt sich im Wohnheim einen Raum mit einer Deutschen. Sie nimmt sich vor, richtig Spanisch zu lernen und zur nächsten Erasmus-Party zu gehen.

Wichtig ist ihr aber auch, dass es mit dem Studieren hinhaut, sie will kein Semester verlieren. Marie hat geklärt, dass die Kurse zu Hause anerkannt werden. Das ist ein echtes Problem im Bachelor, vieles ist so spezialisiert, dass es nicht mal in Deutschland zusammenpasst. Aber die Unis arbeiten daran, hat Marie gehört. Amory Burchard

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