PORTRÄT MARIO DRAGHI ZENTRALBANKCHEF ITALIENS: : „Dem Beispiel Deutschlands folgen“

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Er ist das Gegenbild. Während Silvio Berlusconi am liebsten im Scheinwerferlicht steht und sein Land weltweit lächerlich macht, verkörpert Mario Draghi genau das andere Italien. Er fällt nicht so auf, will das auch gar nicht, arbeitet aber ebenso hart wie erfolgreich, gehört fachlich zur Weltspitze und verfügt über höchstes internationales Ansehen.

Draghis einziger Makel, so sagen alle, die sich mit der Sache auskennen, ist seine Nationalität. Seit langem gilt der Gouverneur der Italienischen Nationalbank als einer der qualifiziertesten und aussichtsreichsten Kandidaten für die Leitung der Europäischen Zentralbank. Kaum sollte Axel Webers überraschender Ausstieg ihm den Weg freigemacht haben, droht Draghi in den Fallstricken der Politik hängen zu bleiben: Was es für das Ansehen der EZB bedeuten würde, einen Mann aus Berlusconis Land zum Chef zu haben, fragt man sich hinter den Kulissen. Und wäre es nicht ein Widerspruch in sich, einen Italiener zum führenden Wächter über die Stabilität des Euro zu befördern?

Der gebürtige Römer Draghi, 63 Jahre alt, kennt sich in der öffentlichen Verwaltung ebenso aus wie in der privaten Finanzwirtschaft. Zwischen 1984 und 1990 war er Direktor bei der Weltbank. Danach hielt er sich souverän zehn Jahre lang, unter zehn verschiedenen Regierungen, als Generaldirektor im italienischen Schatzministerium. Draghi ist der Architekt der umfangreichsten Privatisierungen, die Italien je erlebt hat – und einer Umstrukturierung der Staatsschulden von kurzfristigen auf verlässlichere mittel- und langfristige Anleihen. 2002 wechselte er nach London, in die Spitze des internationalen Finanzunternehmens Goldmann Sachs, bis Rom ihn Ende 2005 als Gouverneur der Nationalbank zurückholte.

Von lauten politischen Auftritten hält Draghi nichts. Gleichwohl, und ohne sich von einer schnell beleidigten Regierung stören zu lassen, mahnt Draghi die Defizite Italiens beharrlich an: Die ungelöste Bildungskrise, die geschönten Zahlen zur Arbeitslosigkeit, die niedrige Produktivität, deren stetiges Sinken im internationalen Vergleich bis heute nicht aufgehalten ist. „Dem Beispiel Deutschlands“, sagt Draghi, müsse Italien folgen.

Und Draghi geht, wenn es sein muss, auch mit gutem Beispiel voran: Die Chefgehälter bei der „Banca d’Italia“ hat er jetzt um zehn Prozent gekürzt. Sein eigenes natürlich auch. Man sagt, bei Goldmann Sachs habe er zwanzigmal so viel verdient. Paul Kreiner

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