PORTRÄT MARTIN AMIS : ''Ich bin kein Rassist''

Er spricht vom "kompletten Versäumnis“ der Muslime, Selbstmordattentate zu verurteilen. Der britische Schriftsteller Martin Amis macht sich mit solchen Sätzen derzeit eher unbeliebt.

Jens Mühling

Die Rede war vom „Drang nach Vergeltung“, den die geplanten Anschläge auf britische Flugzeuge im vergangenen Jahr ausgelöst hätten. Vom „kompletten Versäumnis“ der Muslime, Selbstmordattentate zu verurteilen. Und von der „verzerrten Sympathie“ des Westens für die Palästinenser im Nahostkonflikt.

Martin Amis, einer der profiliertesten Schriftsteller Großbritanniens, macht sich mit solchen Sätzen derzeit nicht beliebter. Bereits nach einem als muslimfeindlich empfundenen Essay und einem Interview mit dem „Guardian“ hagelte es wochenlang Kritik, manche beschimpften den 58-Jährigen als Rassisten. Zumindest diesem Vorwurf hat Amis jetzt widersprochen – doch ansonsten nahm er am Dienstag bei einer Podiumsdiskussion der Manchester University nicht ein Jota von seinen umstrittenen Positionen zurück.

Amis, einst eher der britischen Linken zugerechnet, sieht die Anschläge vom 11. September 2001 als Beginn einer „zweiten Intifada“, eines islamistischen Genozids an der westlichen Welt. Wie der Westen darauf mit irgendetwas anderem als einer „ununterbrochenen Fabriksirene des Abscheus“ antworten könne, fragt Amis. Und bemüht William Butler Yeats: „Den Besten mangelt alle Überzeugung, wo die Schlimmsten voll beseelter Inbrunst sind.“

Man könnte den Streit als britische Angelegenheit abtun, für die auch schon ein Label gefunden ist: Als „Blitcons“ werden neuerdings „britische literarische Neokonservative“ bezeichnet, die wie Amis, Salman Rushdie oder Ian McEwan keinen Hehl aus ihrer Ablehnung des Islamismus machen. Doch der Streit weist über die Insel hinaus, auf eine Frage, die westliche Intellektuelle zunehmend auseinanderdividiert: Wie hältst du’s mit dem Islamismus? Amis in England, Christopher Hitchens in Amerika, André Glucksmann in Frankreich, in Deutschland Hans Magnus Enzensberger und Ralph Giordano: Noch ist die neue Phalanx disparat. Aber sie wächst.

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