PORTRÄT MARTIN SCHULZ EU-PARLAMENTSCHEF IN SPE: : „Europas Einigungswerk ist bedroht“

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Dass er es versteht, politische Botschaften zuzuspitzen, hat Martin Schulz gerade wieder bewiesen. Während in Berlin der Koalitionskrach um die Griechenland-Rettung tobt, meldete sich Schulz aus Straßburg zu Wort. Der „glorreiche Wirtschaftsminister“ Philipp Rösler, giftete der Fraktionschef der Sozialdemokraten im Europaparlament, gebe mit seinen Überlegungen zu einer geordneten Insolvenz Griechenlands den Spekulanten Schützenhilfe. Kühl analysierte Schulz: Bei der von Rösler angezettelten Diskussion gehe es „weniger um eine Staatspleite Griechenlands als um die Pleite einer Regierungspartei“.

Um Polemik ist Schulz selten verlegen. Allerdings wird er sich demnächst zurückhalten müssen, denn ab Januar wird er wohl das Amt des EU-Parlamentspräsidenten antreten. In dieser Woche nominierten ihn die Sozialdemokraten zum Kandidaten für den Posten. Die neue Aufgabe verspricht aber nicht nur Prestige, sondern verlangt auch die Fähigkeit zum Ausgleich. Ob sich einer wie Schulz tatsächlich immer mit der Rolle des Moderators abfindet, ist fraglich.

Als sicher gilt hingegen, dass er bei der Wahl zum Parlamentspräsidenten wegen einer Absprache zwischen den Christdemokraten und Sozialdemokraten im EU-Parlament die Mehrheit bekommt. Für Schulz ist es die Krönung einer Karriere, die nach einem Wortgefecht mit dem italienischen Premierminister Silvio Berlusconi steil nach oben ging. Berlusconi empfahl Schulz 2003 für die Rolle eines KZ-Aufsehers – und machte den SPD-Mann damit europaweit bekannt. Ein Jahr später übernahm Schulz, dessen politische Laufbahn als Bürgermeister der Kleinstadt Würselen in der Nähe von Aachen begonnen hatte, die Fraktion der Sozialdemokraten im EU-Parlament. Ganz unumstritten ist der 55-Jährige dort freilich nicht: Die Grünen machen ihm den Vorwurf, es gerade gegenüber den Christdemokraten gelegentlich an Beißhemmung fehlen zu lassen.

Schulz macht keinen Hehl daraus, dass ihm als überzeugtem Europäer auch im Umgang mit der eigenen Partei schon einmal das Herz geblutet hat. So ging es ihm im Mai 2010 gewaltig gegen den Strich, dass sich die SPD-Fraktion im Bundestag bei der Abstimmung über das erste Griechenland-Hilfspaket fast geschlossen enthielt. Dass die SPD beim Euro-Votum Ende des Monats diesmal zustimmen wird, hängt auch damit zusammen, dass Schulz’ Stimme im Parteivorstand in Europafragen Gewicht hat. Albrecht Meier

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