PORTRÄT MARTIN WALSER, SCHRIFTSTELLER: : „Hass gibt es bei mir nicht“

Zwischen Walser und der FAZ bestand einmal ein Konflikt. Der Autor wurde von der Zeitung des Antisemitismus verdächtigt. Nun druckt das Blatt im nächsten Februar Auszüge aus seinem neuen Roman. Verkehrte Welt?

Gerrit Bartels

Es fällt kaum auf im Rowohlt-Frühjahrsprogramm, nicht zuletzt weil der Verlag 2008 seinen 100. Geburtstag feiert und die Ankündigung dieses Jubiläums den Blick auf die neuen Bücher ein wenig verstellt. Ein neuer Walser mit dem Titel „Ein liebender Mann“ wird da angekündigt, auf sechs Seiten, mit Lesereiseterminen, Startauflage (150 000), Dekorationsmaßnahmen; ein Walser-Roman „über Goethes letzte Liebe – vielleicht sein größter überhaupt“, wie es vollmundig heißt. Irgendwo steht auf diesen sechs Walserseiten auch noch: Vorabdruck in der „FAZ“ im Februar 2008.

Da stutzt man dann doch: War da nicht mal was zwischen Walser und der „FAZ“? Hatte nicht „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher einst den Walser-Roman „Tod eines Kritikers“ als „ein Dokument des Hasses“ gelesen, Walser unter schwersten Antisemitismusverdacht gestellt und den zum Vorabdruck vorgesehenen Roman wieder aus dem Blatt gekippt?

Fünfeinhalb Jahre ist das her, also bei weitem noch nicht so lang, dass das Vergessen seine wohltuende Arbeit verrichten kann. Es scheint aber, als seien die verbitterten Kombattanten von damals wieder ein Herz und eine Seele, als sei Walser wieder satisfaktions- und „FAZ“-fähig und die „FAZ“ wieder die erste Adresse für Walser. Hat da jemand nachgegeben oder ist von seinen Positionen abgerückt? Wohl kaum. Äußerungen in dieser Richtung gab es keine. Hat Walser den Streit nun gewonnen? Oder zeigt sich die „FAZ“ großzügig, weil auch sie glaubt, dies sei Walsers „größter Roman überhaupt“ und erinnerungspolitisch sowieso nur etwas für Literaturwissenschaftler?

Für Walser mag der Vorabdruck tatsächlich eine Genugtuung sein. Für die „FAZ“ hat die Versöhnung jedoch im Kampf um Auflage und Aufmerksamkeit viel größere Bedeutung. Und das auch, weil sie den anderen verbliebenen deutschen Großschriftsteller, Günter Grass, seit dessen Waffen-SS-Offenbarung geradezu verbissen bekämpft; so verbissen, dass für Grass nicht mal ein richtiger Geburtstagsartikel zum 80. drin war. Beide Großschriftsteller gegen sich zu haben, das macht sich nicht gut, das kommt bei deren weiterhin sehr großem Publikum nicht gut an. Da muss man auch kein Prophet sein, um sehen zu können, dass auch die „FAZ“ und Grass eines Tages wieder zusammenkommen. Denn wie heißt es doch gerade auch für einen Themen- und Zeitungsstrategen wie Frank Schirrmacher: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

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