PORTRÄT : „Menschen wollen Freiheit“

Bei der Präsidentschaftswahl in Iran im Juni will Mohammed Chatami gegen Mahmud Ahmanideschad antreten. Chatami regierte bereits zwei Amtszeiten bis 2005. Ein Porträt

Martin Gehlen
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Foto: dpa

Mohammed Chatami kennt beide Rollen – die des gefeierten Hoffnungsträgers und die des kritisierten Versagers. Als es dem damals unbekannten Politiker 1997 gelang, mit 70 Prozent der Stimmen in den Präsidentenpalast von Teheran einzuziehen, folgten Jahre der Liberalisierung und zivilen Freiheit. Doch schon bald drehten die konservativen Kräfte das Rad zurück. Revolutionsführer Ali Chamenei und sein Wächterrat kassierten viele von Chatamis Reformprojekten. Und als der Gescholtene 2005 nach zwei Amtszeiten abtrat, gelang es dem konservativen Lager, mit Mahmud Ahmanideschad den wohl radikalsten Politiker in der Geschichte der Islamischen Republik als Präsidenten zu installieren. Am Montag nun hat Chatami erklärt, er wolle seinen Nachfolger Ahmadinedschad bei der Präsidentschaftswahl im Iran am 12. Juni herausfordern und wieder Präsident werden.

Der Frust ist groß in der iranischen Bevölkerung. Die Wirtschaftsleistung sinkt, die Inflation steigt, die Menschenrechtsbilanz ist schlechter denn je und das Land steht international am Pranger. Vor diesem düsteren Hintergrund inszenierte sich der Altpräsident in den zurückliegenden Monaten geschickt als neuer Hoffnungsträger. So lud er im vergangenen Oktober ein Dutzend früherer Regierungschefs aus Europa sowie den ehemaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan nach Teheran ein, um über „Religion in der modernen Welt“ zu diskutieren. In dem illustren Kreis präsentierte sich der Kleriker mit dem schwarzen Turban, der ihn als direkten Nachfahren des Propheten Mohammed ausweist, als einziger iranischer Staatsmann von Weltrang.

Vor dem Sturz des Schahs war der heute 65-Jährige Leiter des Islamischen Zentrums in Hamburg, wo er auch Deutsch lernte. 1979 kehrte der Philosoph und Theologe zurück und wurde Kulturminister. In den vergangenen Jahren leitete der Vater zweier Töchter und eines Sohnes das „Internationale Institut für Dialog zwischen Kulturen und Zivilisationen“ in Teheran. Chatami ist bis heute der einzige Reformer im Lande, der Amtsinhaber Ahmadinedschad im 30. Existenzjahr der Islamischen Republik tatsächlich gefährlich werden könnte. Bei seinen seltenen Auftritten zu Hause wird er in letzter Zeit wie Popstar umjubelt: „Menschen wollen Freiheit. Und die wichtigste Form der Freiheit ist, sein eigenes Schicksal zu bestimmen“, rief er kürzlich seinen Anhängern zu. Martin Gehlen

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