Porträt Michael Bongardt : ''Das Fach Ethik ist eine weise Entscheidung''

Der Wissenschaftler und Katholik bildet an der Freien Universität angehende Ethiklehrer aus. Er unterstützt die Initiative "Christen Pro Ethik" und findet, dass der rot-rote Senat eine weise Entscheidung getroffen hat, den Ethikunterricht an Berliner Schulen obligatorisch einzuführen.

Claudia Keller

Die Spannung zwischen Ideal und Realität ist ein wesentlicher Teil des Lebens. So sieht das Michael Bongardt und weiß, wovon er spricht. Er ist seit über 20 Jahren katholischer Priester, aber vor fünf Jahren aus dem Priesteramt ausgeschieden, weil er sich in seine Jugendfreundin verliebt hat. Er war auch Professor für katholische Theologie an der Freien Universität Berlin. Dann aber hat ihm der Erzbischof die Lehrerlaubnis entzogen, weil er das Zölibat gebrochen hat. „Wie arm wäre die Wirklichkeit ohne Ideale“, sagt der nachdenkliche Theologe. „Aber problematisch wird es, wenn man glaubt, man kann die Ideale verwirklichen.“

Bongardt ist nach wie vor ein gläubiger Mensch und überzeugter Katholik – und bricht in diesen Tagen einmal mehr mit der herrschenden Meinung seiner Kirche. Er findet, dass der rot-rote Senat eine „weise Entscheidung“ getroffen hat, indem er Ethik zum Pflichtfach an Berlins Schulen gemacht hat. Denn nur in diesem Fach könnten Jugendliche lernen, wie man über Religionen und Weltanschauung hinweg miteinander spricht, diskutiert und den anderen achtet. Deshalb unterstützt er die Initiative „Christen pro Ethik“.

Wie das mit dem Ethikunterricht konkret geht, trainiert Bongardt seit drei Semestern mit angehenden Ethiklehrern am Institut für Vergleichende Ethik an der FU. Er wurde Direktor des Instituts, nachdem ihm die Kirche die Lehrerlaubnis für katholische Theologie entzogen hatte. Eine Ethiklehrerin in einem schwierigen Kiez in Berlin erzählte ihm, dass sie in den ersten zwölf Stunden mit den Schülern diskutiert hat, warum sie sich auf dem Schulhof morgens wahlweise mit „Du Jude“ oder „Du Opfer“ begrüßen. Mehr nicht. Seitdem würden sich die Jugendlichen mit „Guten Morgen“ begrüßen. So soll lebendiger Ethikunterricht sein, sagt Bongardt.

Dass er sich für das Fach Ethik stark macht, heißt aber nicht, dass er Religionsunterricht für unwichtig hält. Im Gegenteil. Umfragen zeigten, wie wenig Kinder über Religion wüssten. Da sei der Religionsunterricht gefragt, der Wissen vermittle und in die Glaubenspraxis einführen solle. Aber eben als freiwilliges Angebot, das der Staat nicht verordnen könne. „Ethik- und Religionsunterricht ergänzen sich ideal“, sagt Bongardt. Aber wie das mit Idealen so ist: Beide Angebote müssten weiter verbessert werden, sagt der Ethikprofessor. Er arbeitet daran. Ist eben alles im Fluss und nichts ohne Brüche zu haben. 

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