PORTRÄT MICHAEL MÜLLER, BERLINER SPD-LANDESCHEF: : "Die SPD muss sich neu orientieren"

Wer ihn das erste Mal sieht, neigt zur Unterschätzung. Trotzdem hat sich Michael Müller längst freigeschwommen, auch rhetorisch.

Ulrich Zawatka-Gerlach

An der Rede hat er lange gefeilt, und das hat sich gelohnt, die Genossen standen fast auf den Tischen. Das war am Sonnabend, als Michael Müller zum dritten Mal seit 2004 zum Landeschef der Berliner Sozialdemokraten gewählt wurde. In seiner Eröffnungsrede auf dem Parteitag hat er ganz einfache Sätze gesprochen, zum Beispiel: „Die Solidarität ist unser Grundwert“. Aber wie er es sagte, so ur-sozialdemokratisch, so münteferingisch, hat Müller die Delegierten beseelt: Wir sind die beste der Parteien!

Wer ihn das erste Mal sieht, neigt zur Unterschätzung. Müller, 43 Jahre, ein bisschen schmächtig mit Brille und Kurzhaarschnitt. Der nette Nachbar von nebenan, aus Berlin-Tempelhof, Realschulabschluss und verheiratet mit der Bankkauffrau Claudia Müller, eine Tochter und ein Sohn im schulpflichtigen Alter. Vom Vater, dem alten Sozialdemokraten, könnte er die kleine Druckerei übernehmen, aber Müller ist Berufspolitiker geworden, und dabei bleibt es auch.

Seit 1981 ist er SPD-Mitglied, 1989 wurde Müller Bezirksverordneter, 1996 zog er ins Abgeordnetenhaus ein und übernahm 2001 den Fraktionsvorsitz. Ohne den älteren Freund Klaus Wowereit wäre diese bruchfreie Karriere nicht möglich gewesen. Der Regierende Bürgermeister hat Müller stets gefördert, und der hält ihm, als Fraktions- und Landeschef der Regierungspartei SPD, den Rücken frei. In einem fast symbiotischen Vertrauensverhältnis.

Trotzdem hat sich Müller längst freigeschwommen, auch rhetorisch. Noch vor drei, vier Jahren wirkte er am Rednerpult oft hölzern, zögerlich. Inzwischen redet er frei von der Leber weg – und man horcht auf. Ein softer Linker, der einen hart linken SPD-Landesverband ziemlich selbstbewusst führt. Notfalls hält er sich Gegner und Parteifreunde mit einem ätzendem Sarkasmus vom Leibe, den selbst der unerschrockene Finanzsenator Thilo Sarrazin fürchtet.

Müllers Projekt: eine Sozialdemokratie, die sich auf ihre Geschichte besinnt, auf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Für soziale Gerechtigkeit und Bildungschancen für alle. Rot-rote Bündnisse in anderen Ländern, wenn es inhaltlich passt, fände er gut. Müller will die Diskussion: „Die SPD muss sich neu orientieren!“ Wenn die Berliner SPD irgendwann in die Verlegenheit käme, sich für das Amt des Regierenden Bürgermeisters einen neuen Kandidaten suchen zu müssen, hieße der wahrscheinlich – Müller. Ulrich Zawatka-Gerlach

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