PORTRÄT : Michael Vassiliadis: „Ich will Brücken bauen“

Michael Vassiliadis soll am Dienstag neuer Chef der IG Bergbau, Chemie, Energie werden. Er hat nicht den Ehrgeiz eines Streikführers. Er setzt auf Ausgleich.

Alfons Frese
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Foto: dpadpa

Jugendlicher Sturm und Drang hört sich anders an: Von der Mai-Kundgebung in Hannover wird erzählt, beim Vortrag des Hauptredners habe sich mancher lieber mit der Bratwurst beschäftigt als mit dem schwer verdaulichen Funktionärsdeutsch oben auf der Bühne. Es wird eben gerne gelästert in Gewerkschaftskreisen. Doch dass Michael Vassiliadis einen Marktplatz in Wallung bringt, ist auch schwer vorstellbar. Vielleicht mit seiner Rockband No Time, in der er die Gitarre spielt.

Mit 45 Jahren ist Vassiliadis der mit Abstand jüngste Vorsitzende einer Gewerkschaft. Heute wird er in Hannover auf dem Kongress der IG Bergbau, Chemie, Energie zum Nachfolger von Hubertus Schmoldt gewählt. Schmoldt, der im kommenden Januar 65 Jahre alt wird, erinnert in diesen Tagen gern an eine Schlagzeile der „taz“ von 1995: „Wer ist Hubertus Schmoldt?“ Der war gerade als Nachfolger des gewichtigen Hermann Rappe zum Chef der Chemiegewerkschaft gewählt worden. Und hat sich in den folgenden 14 Jahren einen Namen gemacht als gut vernetzter Sozialdemokrat, pragmatisch bis an die Schmerzgrenze der Kollegen von der IG Metall, geachtet bei Arbeitgebern wie CDU-Politikern. Selbstverständlich kommt an diesem Dienstag der Bundespräsident nach Hannover, um Schmoldt, den sie intern „großen Vorsitzenden“ nennen, zu verabschieden.

Nun also Vassiliadis. Ein geschmeidiger Typ, der bei Schmoldt in die Schule gegangen ist. „Kluger Mann“, heißt es bei der IG Metall. Der Sohn eines Griechen und einer Deutschen, in Essen geboren, machte bei Bayer eine Ausbildung zum Chemielaboranten. Seit 1986 arbeitet er für die Gewerkschaft. Schmoldt holte ihn 1997 in die Zentrale nach Hannover und baute ihn zu seinem Nachfolger an der Spitze der mit 690 000 Mitgliedern drittgrößten deutschen Gewerkschaft auf.

„Gesellschaft und Politik brauchen Ausgleich“, sagt Vassiliadis und will „Brücken bauen zwischen politischen und wirtschaftlichen Eliten, Nichtregierungsorganisationen und Verbänden“. Er hat nicht den Ehrgeiz eines Streikführers. Lieber pflegt er die „sehr stabilen sozialpartnerschaftlichen Beziehungen“ in der Chemie-Industrie. Er habe, sagt er, „keine Vorbehalte, die mich ideologisieren“. Vassiliadis wird sicher einen Draht zur Regierung finden. So wie das Schmoldt perfekt beherrschte. Die dafür erforderliche Zeit hat der junge Mann. Vassiliadis kann die IG BCE in den kommenden Jahrzehnten prägen.

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