PORTRÄT MICHAEL W. BLUMENTHAL MUSEUMSDIREKTOR: : „Wir wollen uns nicht ausruhen“

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Was für ein Triumph. Am Mikrofon im futuristischen Glashof des Jüdischen Museums steht Direktor Michael Blumenthal und zählt die erstaunlichen Erfolge auf, die das Haus seit der Eröffnung vor zehn Jahren verbuchen konnte: mehr als sieben Millionen Besucher, davon 1,8 Millionen Kinder und Jugendlich, und so weiter. Die ganze Woche wird gefeiert. Zu dem Empfang am Mittwochabend sind Freunde des Hauses gekommen, die gleichzeitig Rosh Hashana, den Anbruch des Jahres 5772 seit Erschaffung der Welt zelebrieren. Blumenthal erzählt, wie er daheim in New York immer wieder von Amerikanern angesprochen wird, die das Museum besucht haben. Dann stockt er einen Moment und sagt, leiser: „Ich muss immer daran denken, wie unmöglich das war, als ich ein kleiner Junge war. Das ist ein ganz anderes Land.“

Als kleiner Junge lebte Blumenthal, zu dessen Vorfahren die Dichterin Rahel Varnhagen und Opernkomponist Giacomo Meyerbeer zählen, in Oranienburg, später in Berlin. Der Ermordung durch die Nazis konnte die Familie in letzter Minute im April 1939 entkommen, sie floh nach Schanghai, wo die japanischen Besatzer die Flüchtlinge im Ghetto internierten. 1947 konnte er im Alter von 21 Jahren in die USA ausreisen, finanzierte sich das Studium der internationalen Ökonomie unter anderem als Liftboy, brachte es bald zum Topmanager und später, 1976, in der Carter-Regierung zum US-Finanzminister. Längst durch und durch Amerikaner hielt er dennoch Kontakt mit der alten Heimat. Als die Stadt Berlin ihn im November 1997 einlud, im Ehrenamt die Leitung des Jüdischen Museums zu übernehmen, sagt er zu: „Damals konnte ich mir kaum vorstellen, die Aufgabe länger als ein paar Monate zu übernehmen.“ Nach amerikanischem Vorbild hat er zur Verleihung des Preises für Verständigung und Toleranz am Beginn der Woche hochkarätige Unterstützer des Museums geladen. Das erfolgreiche Fundraising ermöglicht es auch, dass im kommenden Jahr gegenüber die Akademie des Museums eröffnet wird. Blumenthal hofft, dass man sich dort noch stärker mit Jugendlichen befassen wird, mit Forschung über Minderheiten und mit der größeren Frage, wie man friedlich zusammenlebt in einer globalen Welt: „Wir wollen uns nicht ausruhen.“ In diesen Tagen spürt man die tiefe Befriedigung, die ihn erfüllt über seinen eigenen nachhaltigen Beitrag zu diesem „ganz anderen Land“. Elisabeth Binder

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