PORTRÄT MICHAIL BEKETOW KREML-KRITISCHER JOURNALIST : Paradoxer Preis von Putins Gnaden

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Mit einer Million Rubel (knapp 25 000 Euro) ist jeder der zehn Journalisten-Preise dotiert, die Premier Wladimir Putin am Dienstag im Auftrag der russischen Regierung verlieh – zur allgemeinen Überraschung auch an notorische Regimekritiker. Einer davon ist Michail Beketow, der den Kommentar zu der ihm widerfahrenen Ehre seiner Kampfgefährtin Jewgenija Tschirikowa überlassen musste. Denn der einstige Lokaljournalist aus Chimki im Moskauer Speckgürtel, ist schwer gehirngeschädigt, kann daher kaum sprechen und sitzt im Rollstuhl. Im November 2008 war er auf seinem Grundstück brutal zusammengeschlagen und erst 24 Stunden später gefunden worden. Bei klirrendem Frost, weshalb ihm das rechte Bein und mehrere Finger amputiert werden mussten.

Beketow, 50, hatte viel über Beamtenwillkür und Korruption geschrieben und dem Bürgermeister von Chimki, Wladimir Streltschenko, dubiose Machenschaften vorgeworfen. Darunter die illegale Vermarktung von geschützten Waldstücken für den Bau einer Schnellstraße von Moskau nach St. Petersburg. Eine von Tschirikowa geführte Bürgerinitiative läuft dagegen Sturm und erwirkte bei Präsident Dmitri Medwedew zwar kurzzeitig auch einen Baustopp, doch dann knickte der Kremlherrscher vor der Raser-Lobby ruhmlos ein. Und der Bürgermeister, in dem Bürgerrechtler den Drahtzieher des bis heute nicht aufgeklärten Anschlags auf Beketow vermuten, verklagte sein Opfer wegen Verleumdung und gewann.

Nun ist Beketow Putin-Preisträger. Das macht viele ratlos. Zumal unter den Prämierten noch zwei andere kritische Journalisten sind, die gern auch gegen Putin persönlich polemisieren. Also gegen jenen Mann, der russische Medien schon kurz nach seinem Machtantritt an die sehr kurze Leine gelegt hatte und im März mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit für weitere zwölf Jahre in den Kreml einreitet. Doch plötzlich, wie Radio Liberty ätzte, ist Putin in Liebe zur Opposition entbrannt. Über die Gründe rätseln sogar professionelle Auguren. Ist die Charme-Offensive Putins ein erster Schritt auf dem Weg zum lupenreinen Demokraten, zu dem Altkanzler Gerhard Schröder ihn hochjubelte, oder ist sie schnöder Stimmenfang angesichts nahender Wahlen? Jüngste Umfrageergebnisse sprechen eben dafür. Demzufolge kommt Putins Hausmacht „Einiges Russland“ derzeit auf gerade 39 Prozent aller Stimmen. Elke Windisch

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