• PORTRÄT MICHAIL GORBATSCHOW, EX-PRÄSIDENT DER UDSSR:: "Die deutsche Presse ist die bösartigste"

PORTRÄT MICHAIL GORBATSCHOW, EX-PRÄSIDENT DER UDSSR: : "Die deutsche Presse ist die bösartigste"

Muss man sich für Gorbatschow schämen? Oder eher dafür, dass deutsche Journalisten wie Politiker von Moskau die Wahrung von Menschenrechten einfordern und nicht so recht an das Konzept einer "gelenkten Demokratie" glauben wollen?

Sebastian Bickerich

Was für ein Vorwurf! Sind deutsche Medien Verräter? Hat in Berlin, mit Moskau seit Jahrzehnten eng verbandelt seit Kaiserreich, Ribbentrop, Röhrendeal und Friedensbewegung, der antirussische Virus zugeschlagen? Hört man dieser Tage auf Michail Gorbatschow, dann muss das so sein: Vorwürfe aus Deutschland, Russland sei ein Aggressor oder imperial, seien „alles Quatsch“, sagt der, sein Land wolle niemanden bekämpfen, es hätte „alles, was es braucht“. Gorbatschow legt nach: Europa habe sich „gefreut“, als sein Land „in der Jelzin-Ära daniederlag und die Industrieproduktion um die Hälfte zurückging“, sagte er dieser Tage der Journalistin Sabine Adler im Deutschlandfunk, und: Die deutsche Presse sei „die bösartigste“.

Natürlich spricht da auch der im eigenen Land Gescheiterte, der Mann, den die Mehrheit der Russen selbst für den Niedergang der Sowjetunion, für Jahre des Mangels und der wirtschaftlichen Malaise verantwortlich macht. Da geht es um Wiedergutmachung, um das Geraderücken eines historischen Bildes – eines, das außer in Deutschland längst allerorten von der Wand erfolgreicher Staatslenker abmontiert und in die Ahnenreihe tragischer Helden aufgenommen wurde, gleich neben Neville Chamberlain, Bärbel Bohley, Lech Walesa. Sie alle wollten Gutes, Frieden mit Hitler, Schluss mit dem Sozialismus in der DDR, das Ende der Diktatur in Polen – und wurden von den Ereignissen überrollt. Heute gilt ihr Wort nur noch wenig, fast schämen sich etwa die Polen heute für ihr einstiges Idol.

Muss man sich auch für Gorbatschow schämen? Oder eher dafür, dass deutsche Journalisten wie Politiker von Moskau die Wahrung von Menschenrechten einfordern und nicht so recht an das Konzept einer „gelenkten Demokratie“ glauben wollen? Aber nein doch, für beides nicht. An Michail Sergejewitschs Verdiensten kann es nicht den geringsten Zweifel geben, so wenig an denen Bohleys oder Walesas. Dass die Zeitläufte über sie hinweggegangen sind, heißt ja nicht, dass sie in der Zeit ihres Wirkens nicht die richtigen Fragen stellten.

Richtige Fragen aber müssen auch heute erlaubt sein – ist doch Gorbatschows Traum von Perestrojka und Glasnost im Putin- Reich gefährdeter denn je, ist Putins und Medwedews Politik gegen ehemalige Untertanen, die nach Westen streben, nichts anderes als imperial. Diejenigen, die das nicht erkennen wollen, werden sich an diesen Satz erinnern: Wer zu spät kommt ...Sebastian Bickerich

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