• PORTRÄT MICHAIL GORBATSCHOW EX-STAATSCHEF DER UDSSR:: „Ich habe keine Hoffnung auf freie Wahlen“

PORTRÄT MICHAIL GORBATSCHOW EX-STAATSCHEF DER UDSSR: : „Ich habe keine Hoffnung auf freie Wahlen“

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Foto: dapd
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Michail Gorbatschow schämt sich für sein Land. Der Mann, der vom Kreml aus Perestroika und Glasnost einführte, den Fall der Mauer ermöglichte und unfreiwillig das Ende der Sowjetunion herbeiführte, sieht im heutigen Russland sein Erbe in Gefahr. „Ich schäme mich, so etwas sagen zu müssen. Der Aufbau der Demokratie muss bei null beginnen.“ Der letzte Staatschef der UdSSR greift damit indirekt den Mann an, der gerade in den Kreml zurück will: Wladimir Putin. Dessen Namen nennt Gorbatschow bei seinem Auftritt in Berlin am Montag jedoch kein einziges Mal.

Eigentlich ist er nach Berlin gekommen, um den nach ihm benannten Preis vorzustellen, der am 20. März kommenden Jahres in einer großen Gala am Potsdamer Platz verliehen werden soll. Während die Veranstalter eine Journalistenfrage zur Situation in Russland vor den Parlaments- und Präsidentenwahlen schon zurückweisen wollen, gibt Gorbatschow bereitwillig Auskunft. Die Zuhörer sollen nicht denken, dass er der Frage aus dem Weg gehe. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich Gorbatschow mit Kritik an Putin zurückgehalten, auch wenn er Miteigentümer der oppositionellen Zeitung „Nowaja Gaseta“ ist und sich vor einigen Jahren an der Gründung einer sozialdemokratischen Partei versuchte. Doch jetzt wird der 80- Jährige deutlich: „Ich habe keine Hoffnung, dass die Organisatoren freie und faire Wahlen sicherstellen.“ Er spricht davon, wie im Wahlkampf „getrickst“ werde, dass sogar Kinder dazu verleitet werden sollten, „ihre Eltern für eine bestimmte Partei zu agitieren“. Regionale Behörden bekämen den Befehl, sicherzustellen, dass die Wahlbeteiligung nicht unter einem bestimmten Wert liege. Gorbatschow bringt die heutige Situation in Russland mit sowjetischen Verhältnissen in Beziehung: Es werde alles getan, damit eine bestimmte Partei gewinnt – „fast hätte ich gesagt: die Kommunisten, aber es ist Einiges Russland“. Und wie um zu beweisen, dass sich sein Land auf dem Weg in die Vergangenheit befindet, zitiert der Reformer ausgerechnet Josef Stalin: Es komme nicht auf die Wahlen an, sondern auf die Auszählung.

Das Demokratiedefizit sei Russlands größtes Problem, sagt Gorbatschow. Doch er sieht trotz der negativen Tendenzen auch einen Wandel in der Gesellschaft. „Der regierenden Klasse fällt es zunehmend schwer, die Menschen hinters Licht zu führen.“ Claudia von Salzen

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