• PORTRÄT MICHAIL SAAKASCHWILI, PRÄSIDENT GEORGIENS: "Freie Wahlen sind eine Frage der Ehre“

PORTRÄT MICHAIL SAAKASCHWILI, PRÄSIDENT GEORGIENS : "Freie Wahlen sind eine Frage der Ehre“

Noch finden in Georgien Wahlen statt. Doch die Umstände der Abstimmung entsprechen nicht unbedingt dem, was man erwarten könnte von einem Land, dessen Präsident so unbedingt und mit aller Macht nach Westen strebt.

Sebastian Bickerich

Wahlen! Was sind schon Parlamentswahlen, wenn es um ein Ziel geht, um eine Mission, um die Vollendung einer Revolution? Wirken sie da nicht wie, ja, ein Hindernis? Und ist er, Michail Saakaschwili, Führer der Georgier, nicht etwas Besonderes? Noch denkt dieser Mann, dessen Sendungsbewusstsein an Nicolas Sarkozy und dessen Erscheinung an Arnold Schwarzenegger erinnert, das nicht, jedenfalls nicht öffentlich. Noch finden in Georgien Wahlen statt, am heutigen Mittwoch. Doch die Umstände der Abstimmung entsprechen nicht unbedingt dem, was man erwarten könnte von einem Land, dessen Präsident so unbedingt und mit aller Macht nach Westen strebt, in die Nato und in die EU.

Es war im vergangenen November, als Georgiens Rosenrevolutionäre von 2003 ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt hatten. Nach tagelangen Kundgebungen der von Russland gesponserten Opposition hatte die Regierung auf Demonstranten schießen lassen und einen TV-Sender kurzerhand geschlossen. Saakaschwili hatte den Ausnahmezustand verhängt – und sich dann doch zu vorgezogenen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen bereit erklärt. Ein Spiel mit hohem Risiko. Und ein Test, wie ernst es ihm wirklich ist mit seiner Hinwendung zum Westen.

Muss der 40-jährige Saakaschwili doch vor allem in Europa beweisen, dass er mehr ist als einfach nur antirussisch. Für diese Haltung hat er durchaus berechtigte Gründe, unterstützt Moskau doch gleich zwei kleine Seperatistenrepubliken auf georgischem Territorium; zudem gilt immer noch ein die Wirtschaft des Kaukasuslandes lähmender Weinboykott – angeblich aus hygienischen Gründen, tatsächlich aus gekränktem Stolz, dass ausgerechnet Stalins Geburtsland so gar nichts mehr von der UdSSR und deren legitimen Nachfolger Russland wissen will.

Nun also lässt er sein Volk wieder wählen. Geschickt hat er daraus eine Abstimmung über den Westkurs und die wirtschaftliche Schocktherapie der Regierung gemacht. Es wird wohl eine Mehrheit für seine Nationale Einheitsbewegung geben; die Präsidentschaftswahlen im Januar hat er ohnehin gewonnen. Doch will Saakaschwili nicht nur die USA, sondern auch die Moskau-Kuschler in Deutschland und Brüssel davon überzeugen, dass ein freies, demokratisches Georgien eine Bereicherung für Europa sein kann, dann muss er Wahlen abhalten, die wirklich frei sind. Wir sind schließlich nicht in Russland.Sebastian Bickerich

0 Kommentare

Neuester Kommentar