• PORTRÄT MICHEL BARNIER, EU-BINNENMARKTKOMMISSAR: "Eine starke City ist im Interesse aller"

PORTRÄT MICHEL BARNIER, EU-BINNENMARKTKOMMISSAR : "Eine starke City ist im Interesse aller"

Sarkozy erklärt ihn zum Sieger über den Londoner Finanzplatz. Das kann dem neuen französischen Binnenmarktkommissar nicht recht sein.

Hans-Hagen Bremer

Auf den Wirbel, der zwischen den Regierungen in Paris und London rund um seine Person entstanden ist, hätte Michel Barnier wahrscheinlich gern verzichtet. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hatte ihn ausgelöst, als er die Berufung des neuen französischen Mitglieds der EUKommission als Sieg für Frankreich feierte. Zu Barniers Ressort, einem der wichtigsten in der Brüsseler Exekutive, gehört auch die Zuständigkeit für die Regulierung der Finanzmärkte. „Es ist das erste Mal seit 50 Jahren, dass Frankreich dieses Portefeuille hat“, tönte Sarkozy in einem Interview. Das sei der „Triumph“ der französischen Ideen zur Regulierung über den angelsächsischen Liberalismus: „Auf diesem Gebiet sind die Engländer die großen Verlierer.“

Die Empörung in der Londoner City, dem größten Finanzplatz Europas, über diese chauvinistische Aufwallung Sarkozys kam einer Wiederaufnahme des hundertjährigen Kriegs mit verbalen Mitteln gleich. „Die Geschichte wiederholt sich mit einer neuen französischen Attacke auf London“, konnte man in einem Artikel der „Times“ lesen, den die Redaktion mit einer Fotomontage illustrierte, auf der ein von Napoleon und de Gaulle eingerahmter Sarkozy zu sehen war. Etwas vornehmer nahm der britische Bankenverband Stellung. Die feindseligen Kommentare des französischen Präsidenten hätten das Vertrauen der Öffentlichkeit in die neuen EU-Institutionen erschüttert und zahlreiche Fragen zur Unparteilichkeit des französischen Europa-Kommissars aufgeworfen, hieß es in einer Erklärung. Die britische Regierung wies Paris kühl darauf hin, dass es im Interesse Europas sei, wenn der britische Finanzmarkt prosperiere.

Barnier hüllte sich zunächst in diplomatisches Schweigen. Der 58-jährige gaullistische Politiker aus Savoyen ist ein überzeugter Anhänger der europäischen Einigung. Seit seiner Schulzeit ist die deutsch-französische Aussöhnung sein politisches Leitbild. Er war Abgeordneter im Parlament seiner Heimatregion, Mitglied der Nationalversammlung, EU-Kommissar für Regionalpolitik und Außenminister. Nach dem Nein der Franzosen zur EU-Verfassung schickte ihn Präsident Jacques Chirac aber in die Wüste. Sarkozy machte ihn zu seinem Landwirtschaftsminister und entsandte ihn dann nach Brüssel. Er denkt freilich nicht daran, nach Sarkozys Pfeife zu tanzen, sondern dass er das Interesse Europas wahren wolle, wie er jetzt klarmachte: „Eine starke City ist im Interesse aller.“

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