PORTRÄT MICHELINE CALMY-REY : „Diese Kampagne stößt mich ab“

Im Ausland gilt sie als Verkörperung einer weltoffenen und engagierten Schweiz. In der Heimat fürchten ihre Gegner ihre scharfe Zunge: Micheline Calmy-Rey, die Außenministerin der Eidgenossenschaft und derzeitige Bundespräsidentin.

Jan Dirk Herbermann

Kurz vor den Parlamentswahlen am Sonntag redete Calmy-Rey Klartext – zu spät, wie manche Schweizer kritisierten. Die Aktionen der rechtsnationalen Schweizerischen Volkspartei (SVP) seien „Ausdruck von Hass und Xenophobie“, sagte die Sozialdemokratin: „Diese Kampagne stößt mich ab.“ Die 62-Jährige empört sich zumal über das berüchtigte Schafplakat der SVP. Weiße Schafe bugsieren ein schwarzes Schaf mit Tritten aus der Schweiz. Das Bild markiert den Höhepunkt des rabiaten SVP- Wahlkampfes und ihres Frontmannes, Christoph Blocher.

Zu dem Milliardär und Justizminister pflegt Calmy-Rey ein Verhältnis der höflich verpackten Abneigung. „Ich spreche nicht von meinen Kollegen“, sagt sie über Blocher. Klar ist: Calmy-Rey macht sich Sorgen um das Image ihres Landes in der Welt. Die schrillen Töne aus der rechten Ecke könnten Schweizer Diplomaten, Touristen und Geschäftsleute jenseits der Grenzen des neutralen Kleinstaates in Gefahr bringen.Bislang gelten die Eidgenossen als verlässliche internationale Partner, die sich besonders den Kampf für die Menschenrechte auf die Fahnen geschrieben haben.

Als Calmy-Rey 2002 das „Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten“ übernahm, richtete sich das Land gerade als neues Mitglied in der Vereinten Nationen ein. Calmy-Rey profilierte sich schnell als treibende Kraft für die Schaffung eines UN- Menschenrechtsrates. Das oberste UN-Gremium gegen Unterdrückung, Folter und Vertreibung begann 2006 seine Arbeit in Genf. Die Außenministerin fördert auch in bester helvetischer Tradition die stille Diplomatie: Die Schweiz hilft verfeindeten Parteien, an einen Tisch zu kommen – etwa türkischen und griechischen Zyprioten. Und sie formuliert Vorschläge, wie der UN-Sicherheitsrat effizienter die Konflikte einer unruhigen Welt lösen kann.

Auch ihre Erfahrungen in der Wirtschaft als Chefin eines Buchvertriebs gelten bei ihren Landsleuten als Plus. Am stärksten punktet Calmy-Rey, die aus dem französischsprachigen Landesteil stammt, in Zürich und Basel mit ihren guten Deutschkenntnissen: Ihr persönlicher Beitrag für eine Verständigung.Jan Dirk Herbermann

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