Porträt : „Mittendrin statt über allen“

Er habe selbst vom sozialen Netz profitiert, deshalb werbe er heute dafür, sagt der SPD-Politiker Sven Gerich. Als Jugendlicher lebte er im Heim. Nun wird er Oberbürgermeister der konservativen hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden.

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Überraschender Sieger: Sven Gerich (Mitte) wird Wiesbadener Oberbürgermeister. Auch SPD-Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel (rechts) freut sich.
Überraschender Sieger: Sven Gerich (Mitte) wird Wiesbadener Oberbürgermeister. Auch SPD-Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel...Foto: dpa

Der künftige Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Wiesbaden, Sven Gerich, SPD, will „die Stadt von den Menschen aus denken“, wie er sagt. Der 38-jährige Newcomer konnte sich am Sonntag in der Stichwahl gegen den amtierenden CDU-Oberbürgermeister Helmut Müller, 60, durchsetzen. „Vom Papier her hatte ich schon verloren, bevor ich angetreten war, zumal der OB in den sechs Jahren seiner Amtszeit keine großen Fehler gemacht hatte“, sagte Gerich nach seinem Erfolg dem Tagesspiegel; doch mit einer konzentrierten Kampagne und harter Arbeit habe er den Vorsprung wettgemacht, so der gelernte Tischler und Geschäftsführer einer Druckerei.

Gerich ist ein freundlicher Mann, der auch nach dem Erfolg nicht abhebt. „Mittendrin statt über allen“ – mit diesem Wahlkampfslogan hatte der Nachwuchsmann den präsidialen Führungsstil von Amtsinhaber Müller aufgespießt. Mit einem betont sozialpolitischen Programm konnte Gerich offenbar vor allem bei den Jüngeren punkten. Er versprach zusätzliche Investitionen in bezahlbaren Wohnraum, in Schulgebäude und eine bessere Kinderbetreuung.

Mit einem ähnlichen Programm hatte vor einem Jahr bei der OB-Wahl in Frankfurt (Main) sein Parteifreund Peter Feldmann den CDU-Kandidaten und Favoriten, Landesinnenminister Boris Rhein, geschlagen. Wie Feldmann setzte auch Gerich auf Hausbesuche. 8000 habe er absolviert, denn: „Hinter den Fassaden dieser schönen Stadt ist manches nicht in Ordnung.“ Schließlich wachse auch in Wiesbaden jedes dritte Kind in armen Verhältnissen auf.

„Eine Stadt ist kein Konzern, sondern ein soziales Gemeinwesen“, plakatierte der SPD-Kandidat und grenzte sich damit ab von der CDU-Konkurrenz, mit der er als Fraktionschef im Rathaus gleichwohl in einer erfolgreichen Koalition verbunden ist. Wenn Gerich für einen aktiven und starken Sozialstaat plädiert, argumentiert er glaubhaft mit seinem eigenen Schicksal. Von seinem 6. bis 17. Lebensjahr lebte er in einem Heim. „Damals habe ich von dem sozialen Netz profitiert, für das ich heute werbe“, sagt er.

Am Dienstag wurde der Überraschungssieger in der SPD-Landtagsfraktion mit stehenden Ovationen gefeiert. Am Wochenende will er dann mit seinem eingetragenen Lebenspartner Helge in Urlaub fahren, allerdings nur für fünf Tage, denn bis zum Amtsantritt im Juli sei noch viel zu tun.

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