Porträt: Navid Kermani, Intellektueller : "Ich liebe Jesus"

Der Orientalist Kermani ist einer der wichtigsten Intellektuellen Deutschlands. Er provoziert muslimische Fundamentalisten ebenso wie christliche.

Andrea Dernbach
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Foto: dpa

In Munzingers maßgebendem biografischen Archiv hat Navid Kermani exakt zwei Seiten. Der Fernsehmoderator Johannes B. Kerner kommt knapp dahinter auf eine Seite mehr. An den Leistungen beider wird das kaum liegen. Der habilitierte Orientalist Kermani, vor 41 Jahren als Sohn iranischer Eltern in Siegen geboren, hat nicht nur eine akademische Bilderbuchkarriere an den feinsten Adressen der Republik hinter sich, war Promotionsstipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes, Fellow am Wissenschaftskolleg in Berlin, Stipendiat der Villa Massimo in Rom und ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Er beackert auch ansehnlich viele Felder der Kultur, als Theaterautor, Essayist, Romancier und Journalist – mit einem Themenspektrum, das von der Schönheit Gottes bis zur Rockgottheit Neil Young reicht. Insofern war der Mainzer Kardinal Lehmann, der den Hessischen Staatspreis für Kultur nicht mit Kermani teilen will, schlecht informiert, als er herablassend urteilte, der junge Mann sei vielleicht recht gebildet, verdanke seine Rolle aber wohl der Tatsache, dass es hierzulande kaum muslimische Intellektuelle gebe.

Den „muslimischen“ Intellektuellen würde der bekennende Muslim selbst wohl nicht auf sich sitzen lassen. Zwar stimmt, was ihm jetzt der Tübinger Theologe Kuschel bescheinigte: Kermani sei ein bedeutender Vermittler zwischen Orient und Okzident. Vor allem aber ist er einer der wichtigen Intellektuellen Deutschlands. Er provoziert muslimische Fundamentalisten ebenso wie christliche, und weil er wie so viele Migrantenkinder in mindestens zwei Kulturen zu Hause ist, bringt er den richtigen Kopf mit für eine Welt, die über die ethnisch-kulturellen Gewissheiten hinaus ist.

Dass erst so wenige merken, was Deutschland an Leuten wie ihm hat, könnte daran liegen, dass hiesige Medien und Kultureliten noch nicht so weit sind wie ihr Land. Als in seiner Heimatstadt Köln vor zwei Jahren der Moscheestreit tobte, besuchte Kermani eine Bürgerversammlung. Den Krieg der Kulturen fand er nicht in Köln-Ehrenfeld, aber viele verständliche Fragen: Wird’s lauter hier, was ist mit den Parkplätzen? Als Architekt Böhm seinen Moschee-Entwurf an die Wand warf, wurde sogar gejubelt. Diese „breite weltoffene Mitte“, schrieb Kermani, sei ihm „tausendmal angenehmer als ehemals linke Kulturkämpfer, die heute im Namen der westlichen Freiheit O-Töne wie von Rechtsradikalen auf die Titelseiten spucken“. Andrea Dernbach

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