PORTRÄT PHILIPP STURZ VEREIN DER ODENWALDSCHULE: : „Ich war echt traurig“

von
Foto: privat
Foto: privat

Bei seiner ersten Patientin am Donnerstag musste Philipp Sturz einen Zahn beschleifen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich bereits wieder abreagiert. Aber am späten Mittwochabend, da fühlte sich der Zahnarzt aus Augsburg, doch „ziemlich fertig“. Niemand hatte sich gemeldet, keines jener acht Mitglieder des Trägervereins der Odenwaldschule (OSO), die damals nicht nachgebohrt hatten, die jene Vorwürfe, an ihrer Schule seien Schüler sexuell missbraucht worden, nicht intensiv aufgeklärt hatten. Sturz, seit März 2010 Sprecher des Vereins, fordert ihren Austritt aus dem Verein. Sonst trete er aus, am 29. Mai bei der nächsten Vereinsversammlung. Bis Mittwochabend hatte er den acht Zeit gelassen. Nun wird er sein Amt abgeben.

Sie hätten ihre Weigerung ja begründen können, das wäre wenigstens eine Reaktion gewesen. Aber dass keiner der acht sich überhaupt gerührt hat, „das empfinde ich als ungebührlich“, sagt Sturz. Nur auf eine Erklärung haben sich vor Tagen alle Vereinsmitglieder geeinigt. Der Verein entschuldigt sich für die „Missbräuche“. Gestern wurde das Papier verbreitet. Aber das genügt Sturz nicht. „Es geht um Glaubwürdigkeit“, sagt der 49-Jährige. „Das Letzte, das die Schule braucht, sind Leute, die an ihren Sesseln kleben.“

Sturz sieht die möglichen Folgen. Die Jugendämter im Hessen schicken jedes Jahr zehn bis 15 Kinder und Jugendliche aus zerrütteten Verhältnissen an die Reformschule. Doch Matthias Wilkes, der Landrat des Kreises Bergstraße, in dem die Schule liegt, hat bereits angekündigt, dass in seinem Bereich kein Jugendamt mehr Kinder an die Schule schicken wird, solange die Vorfälle von früher nicht zufriedenstellend aufgeklärt sind. „Ich kann mir vorstellen, dass meine Kollegen ähnlich denken“, hatte er hinzugefügt. Ein Alarmsignal für Sturz. Wenn sich alle Jugendämter verweigern, ist die wirtschaftliche Zukunft der Schule in Gefahr.

Sturz ist der Schule mit Herzblut verbunden. Jahrelang war er Schüler an der OSO, seit 1998 ist er Mitglied des Trägervereins. Einfaches Mitglied, deshalb habe er auch früher nur von „Gerüchten“ gehört. Aber dem damaligen Vereinsvorstand habe er nachdrücklich empfohlen, den „Gerüchten“ nachzugehen. Gespräche mit den Opfern hätte dann aber bloß der Vorstand geführt. Sturz redet auch mit Patienten über die Schule, über die Tatsache, dass politische Verantwortliche noch im Verein sind. Und? „Keiner“, sagt er, „keiner versteht das.“ Frank Bachner

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben