PORTRÄT RAINER MATTERN GERICHTSMEDIZINER: : „Hier ist keine Trauer angesagt“

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Als Rainer Mattern mit seiner Arbeit begann, hatten Rechtsmediziner in Deutschland noch ein kauziges Image, weil sie sich mehr mit dem Tod als dem Leben zu befassen hatten. Dank „Quincy“ und den aktuellen amerikanischen Rechtsmedizin-Serien und detailversessenen Krimiautoren ist der Ruf von damals perdu. Menschen wie Rainer Mattern, Direktor der Heidelberger Rechtsmedizin, sind heute nicht nur wichtige Helfer vor Gericht und eine Attraktion für neugierige Studenten, sie geraten schnell auch in den Mittelpunkt öffentlichen Interesses. Mattern, der mehr als 7000 Leichen in seinen bald 40 Berufsjahren sezierte, ist hier derzeit ein besonderer Fall, er ist gleich an zwei der aufmerksamkeitsstärksten Strafprozesse beteiligt: Er ist Sachverständiger im Vergewaltigungsverfahren um Jörg Kachelmann, zugleich muss er als Zeuge im Prozess gegen die frühere RAF-Terroristin Verena Becker aussagen. Auf seinem Sektionstisch lag vor mehr als 30 Jahren der ermordete Generalbundesanwalt Siegfried Buback.

Die Projektile zertrümmerten seine mittlere Brustwirbelsäule, Schlüsselbein und Oberarm, brachen Schulterblatt und Rippen, durchschlugen Körperschlagader, Zwerchfell, Magen und Darm. Mattern notierte es akribisch. Aber die Untersuchung galt nicht nur der Dokumentation des Grauens, der Mediziner, der seinen Studenten rät, den Toten als Objekt zu betrachten, Trauer sei nicht angesagt, legte auch anhand der Schusskanäle nahe, dass der Täter von rechts oben durch die Scheibe feuerte. Ein wichtiges Detail, konnten sich doch Zeugen erinnern, die Terroristen seien, schießend, mit dem Motorrad um den Wagen herumgefahren.

So ist es oft eine wichtige Aufgabe von Rechtsmedizinern, Zeugenaussagen zu bestätigen oder zu widerlegen. Auch von Opferzeugen wie Simone D., jener Frau, die den Wettermoderator Kachelmann beschuldigt. Zu Mattern kam sie am Morgen nach der angeblichen Tatnacht, zeigte Kratzspuren am Hals und großflächige Blutergüsse an den Oberschenkeln. Der von der Verteidigung aufgebotene Rechtsmediziner Bernd Brinkmann, auch er ein Großer seines Fachs, vermutet, die Frau habe sich selbst verletzt. Mattern will das nicht ausschließen, sagt aber, die Spuren passten auch zur Version der Frau.

Wem soll das Gericht glauben und vor allem: Warum? Gutachter sind Experten, sie sollten sich ihrer Sache sicher sein, meint man, aber manchmal sind sie sicher, dass sie nicht sicher sein können. Jost Müller-Neuhof

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