Porträt : „Raus aus der Burka und Arbeit suchen“

Ahmed Aboutaleb ist Bürgermeister in Rotterdam. Nach dem Erfolg des Rechtspopulisten Pim Fortuyn sind die Niederlande offenbar immer wieder für eine Überraschung gut.

Andrea Dernbach

Sie scheinen immer wieder für eine Überraschung gut zu sein, die Niederlande: Jahrzehntelang galten sie uns als Dorado friedlichen Multikultis. Dann hatten Pim Fortuyns Rechtspopulisten einen sensationellen Wahlerfolg, zwei Jahre später wurde der Regisseur eines islamfeindlichen Films Theo van Gogh auf offener Straße umgebracht. Jetzt, da man sich schon fast ans neue Bild der Niederlande als Schauplatz ethnischer Stadtguerillakriege und fremdenfeindlicher Polemik gewöhnt hat, wird dort ein Migrant Bürgermeister. Nicht auf irgendeinem Dorf hinterm Deich, sondern in der Metropole Rotterdam, der zweitgrößten Stadt des Landes, die zugleich sein industrielles Herz ist und Europas größter Seehafen. In Rotterdam mit seinem hohen Migrantenanteil fand aber auch Fortuyn viele Anhänger.

Aboutaleb ist kein Neuling: Seit 2007 ist der 47-jährige Sozialdemokrat Staatssekretär für Arbeit und Soziales, davor hatte er viele Jahre als Pressesprecher im Kulturministerium und als Kommunikationschef des wichtigsten Beratergremiums der Regierung gearbeitet – nach dem Studium der Elektro- und Kommunikationstechnik und anschließender Karriere bei privaten und öffentlich-rechtlichen Funkhäusern. Handfeste politische Großstadterfahrung bringt Aboutaleb auch mit nach Rotterdam: Er war drei Jahre lang in Amsterdam Dezernent für „Arbeit, Bildung, Diversität und Großstadtfragen“. Im Umgang mit Diversität gab er sich dabei wenig zimperlich. Wenn niemand vollverschleierte Frauen anstellen wolle, gelte eben: „Burka aus und bewerben. Wer das nicht will, auch gut, aber dann gibt es keine Sozialhilfe.“

Krach von rechts dürfte er trotzdem bekommen: Aboutaleb, Sohn eines Imams und selbst gläubiger Muslim, ist nicht nur in Marokko geboren, er hat auch noch zusätzlich zum niederländischen einen marokkanischen Pass. Weil er den nicht abgeben will, warf ihm Geert Wilders, Nachfolger Fortuyns als Enfant terrible der populistischen Rechten, schon früher Mangel an Loyalität zu den Niederlanden vor. Und Fortuyns Rotterdamer Parteigänger haben Aboutaleb jetzt einen Vorwurf gemacht, den er sich vielleicht als Ehrenzeichen anheften kann: Er sei „ein Karrierist“.

Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky, der sich im Sommer in Rotterdam über die dortige Integrationspolitik schlaumachte, sieht die Wahl als Signal auch für deutsche Metropolen: „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch bei uns ein Einwanderer in ein solches Amt kommt.“ Andrea Dernbach

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