PORTRÄT ROLF HOCHHUTH DRAMATIKER : „Einfach ein schlechter Mensch“

Zwei Figuren, die von Thomas Bernhard stammen könnten: Wie jeden Sommer streitet sich Rolf Hochhuth mit Claus Peymann

Rüdiger Schaper
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Foto: ddpddp

Martialische Plakate hängen in der Berliner U-Bahn. Neben einem Haufen ausgebleichter Totenschädel prangen der Name Rolf Hochhuth und der Titel seines Stücks „Sommer 14“. Dieses Drama, das am Beginn des Ersten Weltkriegs spielt, will der Dramatiker auf der Bühne des Berliner Ensembles aufführen, und zwar Ende des Monats und um jeden Preis. Darauf besteht er mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit, die an Altersstarrsinn grenzt. Dafür geht er wie ein Kohlhaas über Theaterleichen. Um sein Ziel zu erreichen, würde er die Schließung des Berliner Ensembles, der Brecht-Bühne, heute geleitet von Claus Peymann, in Kauf nehmen.

In einem Brief an den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit kündigt der 78-Jährige – nicht zum ersten Mal – nun die „fristlose Kündigung“ des BE an, falls Peymann ihn nicht vertragsgemäß auf die Probebühne lässt. Dort allerdings wird gebaut, und Peymann zeigt sich so stur wie sein Widersacher. Berlins Kulturverwaltung bleibt locker und lässt den Fall juristisch prüfen. Am Donnerstag steht ein Gerichtstermin in Sachen Hochhuth vs. Peymann an.

Es ist ein Dauerstreit, bei dem Rolf Hochhuth in der Regel den Kürzeren zieht. Zwar ist er über die von ihm gegründete Ilse-Holzapfel-Stiftung Miteigentümer der Theaterimmobilie. Doch es gibt einen Vertrag mit dem Senat, ohne dessen Zuwendungen der Spielbetrieb am BE nicht läuft. Zwei alte Herren, die ihre große Theaterzeit hinter sich haben, bewerfen einander mit Beleidigungen (Hochhuth: „Peymann ist einfach ein schlechter Mensch“). Frei nach Thomas Bernhard könnte man dies Schauspiel „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ nennen, wobei sich die Rollenverteilung ändern kann.

Gesetzt aber den unwahrscheinlichen Fall, dass Hochhuth im Sommer ’09 juristisch obsiegt – was wären die Konsequenzen? Zunächst einmal ein etwas eintöniger Spielplan, Hochhuth rauf und runter. Und schließlich Hochhuths finanzieller Ruin. Was würde er anfangen mit dem Haus, dessen Unterhaltung immense Kosten verschlingt? Die Öffentlichkeit ist allmählich nicht mehr so amüsiert und wird nicht zuschauen, wie ein Lear-Stellvertreter Berlins immer noch berühmtestes Theater ruiniert, with a little help from his old friend Claus Peymann. Es war einmal Hochhuths Enthüllungswut, der Furor der politischen Anklage, was die Theaterwelt der sechziger und siebziger Jahre bewegte. Rückzugsgefechte aufs Altenteil können so bitter sein. Rüdiger Schaper

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