PORTRÄT ROMANO PRODI ITALIENISCHER EX-PREMIER: : „Merkel gibt die Besserwisserin“

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In Italien galt er zeit seines aktiven politischen Lebens nicht gerade als großer Charismatiker. „Eine Mortadella mit menschlichem Antlitz“ war – in Anspielung auf eine Spezialität seiner Heimatstadt Bologna – noch eine der fröhlicheren Beschreibungen des vertrauenerweckenden runden Schädels des „Professore“. Dabei hat Italiens inzwischen 72-jähriger Ex-Premier Romano Prodi schon des Öfteren bewiesen, dass er nicht nur freundlich kann. Seinen Dauerwidersacher Silvio Berlusconi hat er schließlich zweimal in Wahlen besiegt und bei einem legendären Fernsehduell auch verbal nach Punkten kaltgestellt. So quittierte er das Datengewitter des Konkurrenten zu dessen sprachloser Verblüffung mit dem bedächtig vorgetragenen, aber vernichtenden Satz: „Sie halten sich an Ihren Zahlen fest wie ein Betrunkener an einem Laternenpfahl.“

Geht es um Europa, kann der Jurist und Volkswirt, der von 1999 bis 2004 Chef der Brüsseler EU-Kommission war, sogar sehr deutlich werden. Über „die Verbohrtheit Großbritanniens“schimpfte er nach dem EU-Gipfel im Sommer 2007, und die „zwei Europa“, von denen eines an die Union glaube und eines „ihr das Herz nehmen wolle“. Bitter sei das und tieftraurig.

Jetzt hat Prodi sich die deutsche Kanzlerin vorgenommen. Härter, als unter Parteifreunden üblich – auch Prodi ist gelernter Christdemokrat. Vor Managementstudenten in Bologna ließ er kurz vor Weihnachten wissen, er habe Merkels Ton der „Besserwisserin“ satt. Jetzt legte er in der römischen „La Repubblica“ nach: „Sie stellt die Griechen an den Pranger“, wütete Prodi im Interview. In Wirklichkeit habe die Kanzlerin dabei aber nur an die Wahlen in Nordrhein-Westfalen gedacht. Das neue europäische Duo Merkozy schaue bei der Analyse Richtung Zukunft; wenn’s um Lösungen gehe, interessiere Paris und Berlin aber nur die Gegenwart.

Politisch auf so kurze Sicht fahren, das ist noch immer nichts für Prodi, obwohl er schon vor drei Jahren bekannte, mit der Politik sei jetzt Schluss. Als achtes von neun Kindern einer tiefkatholischen Familie in Reggio Emilia aufgewachsen, mitten in Italiens „roter“ Mitte, ist er mit den großen Ideen Italiens im 20. Jahrhundert gleich doppelt geimpft. Zur großen europäischen Idee hat er mehr als ein nur rationales Verhältnis. Europas Hymne sei sein Klingelton, verriet er einst im Interview. Und da sprach er wohl nicht nur über sein „telefonino“. Andrea Dernbach

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