PORTRÄT ROWAN WILLIAMS ERZBISCHOF VON CANTERBURY: : „Wo würde Jesus stehen?“

Seine Stimme ist weich wie Samt, kann aber die mächtigsten Kirchen füllen, wie vergangenen Sonntag das York Minster. Doch niemand hat den Erzbischof von Canterbury je ein heftiges Wort sagen hören. Viele sehen darin seine größte Schwäche.

Matthias Thibaut

In York stimmte die Synode der englischen Anglikaner diese Woche für die Bischofsweihe von Frauen. Nächste Woche beginnt die „Lambeth Conference“ in London, das Weltkonzil der Anglikaner, das nur alle zehn Jahre stattfindet. Dann geht es nicht nur um Frauen, sondern um Schwule als Bischöfe. Der rebellische Akt eines Londoner Vikars, der zwei schwule Klerikerkollegen verheiratete, brachte das Fass zum Überlaufen. Nur wenige glauben, dass die Anglikaner das Konzil intakt überleben. Einige einflussreiche Traditionalisten aus Schwarzafrika wollen erst gar nicht anreisen.

Man sah Rowan Williams seine freisinnige Haltung als Professor in Cambridge und Oxford nach, solange er nur psalmensingend an einem US-Raketenstützpunkt verhaftet wurde. Aber als er 2002 der 104. Erzbischof von Canterbury und damit Oberhaupt von über 80 Millionen Anglikanern weltweit wurde, begannen die Fragen: Ist dieser Feingeist, der schon äußerlich mit Rauschebart und wirrem Haarkranz so unzeitgemäß wirkt, der richtige Mann, um die Anglikaner im 21. Jahrhundert durch ihren Glaubenskampf zu führen?

Nicht dass er mit seiner Meinung hinterm Berg hielt. Der 58-Jährige wetterte gegen den Irakkrieg, gegen die dritte Landebahn für Heathrow und die Sozialpolitik der Regierung. Muslimen will er erlauben, die Scharia anzuwenden. Nur im Streit um Schwule und Frauen blieb er stumm. Bis zum Sonntag im York Minster. „Wo würde Jesus stehen?“ fragte er in seiner Predigt und gab die Antwort selbst: Mit den Traditionalisten, die sich von ihrer Kirche verlassen fühlen. Und mit den schwulen Pfarrern, die sich fragen, ob sie noch einer Kirche angehören können, die sich so mit dieser Frage quält.

So hat der Erzbischof seine Weltgemeinde zur Ordnung gerufen und Christlichkeit angemahnt. Alle, gerade die Synodalen, hatten Tränen in den Augen. Endlich spürten sie, was der Erzbischof denkt, fühlt und will. Wird es etwas nützen? „Macht ihn nicht zum Sündenbock“, warnte der Erzbischof von York, John Sentamu, ein schwarzer Geistlicher, der, anders als Williams, durchaus heftig werden kann. Sollte es dem Erzbischof zu viel werden, gilt er als fast sicherer Nachfolger.Matthias Thibaut

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