PORTRÄt : „Ruhe brächte uns nur Gerechtigkeit“

Munira Subasic, Srebrenica-Überlebende, kämpft für die Rechte der Opfer und Angehörigen des Genozids von Srebrenica.

Caroline Fetscher

Wenn Munira Subasic sich an die Ereignisse vor zwölf Sommern erinnert, findet sie keinen Schlaf. Am 11. und 12. Juli 1995 zogen serbische Militärs in den ostbosnischen Bergort Srebrenica ein. Ihr General Ratko Mladic gab vor, mit den bosnischen Muslimen zu verhandeln. Munira Subasic versprach er, ihren Sohn zu verschonen. Sein Ziel aber war die „ethnische Säuberung“ der Stadt, die zur UN-Schutzzone erklärt worden war, und in die sich Subasic wie tausende anderer während des Bosnienkrieges mit ihrer Familie geflüchtet hatte. Gegen Hunger und Angst kämpften sie um ihr Existieren.

Heute ist die grauhaarige 58-jährige Munira Subasic Vorsitzende einer Organisation, die sich „Bewegung der Mütter aus den Enklaven Srebrenica und Zepa“ nennt, und sie kämpft nur noch für eines: Die Rechte der Opfer und Angehörigen des Genozids von Srebrenica. Zweiundzwanzig Angehörige verlor sie bei dem Massaker; Zorn und Trauer motivieren ihre Arbeit. Dass das UN-Tribunal in Den Haag die Hauptverdächtigen im Fall Srebrenica, Mladic und Karadzic, noch nicht festgenommen hat, macht sie bitter. Den Amerikanern, sagt sie, „ist es in einem riesigen Land wie Irak gelungen, Saddam Hussein festzunehmen. Und in einem winzigen Land wie Bosnien-Herzegowina will man Kriegsverbrecher nicht finden? Das ist ein Märchen für kleine Kinder.“ Nur Gerechtigkeit, davon ist Munira Subasic überzeugt, „brächte den Überlebenden etwas Ruhe“.

Jeden Juli reisen inzwischen exilierte Überlebende aus aller Welt an den Ort des Mordens, wo zum Jahrestag der Verbrechen jene bestattet werden, die man bisher in Massengräbern fand und im Vergleich mit Genmaterial der Lebenden identifiziert hat. 4300 Tote sind es bisher, darunter auch Subasics Ehemann Himo. Der Ingenieur war damals fünfzig Jahre alt.

In Sarajewo fuhr am Montag ein Konvoi mit 465 Särgen nach Srebrenica. Die sterblichen Überreste der 13- bis 77-jährigen Toten werden heute am Gedenkort Srebrenica-Potocari begraben, der in der „Republika Srpska“ liegt. Diesen Ort ließ der internationale Bosnien-Beauftragte Christian Schwarz-Schilling Ende Juni unter die Aufsicht der bosnischen Bundesbehörden stellen, was Bosniaken wie Munira Subasic erleichtert hat. Von Carla del Ponte, den Haags Chefanklägerin, wollen Subasic und die anderen Überlebenden wenig wissen. „Niemand möge erwarten, dass wir unsere Hände zur Begrüßung ausstrecken.“ Caroline Fetscher

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