PORTRÄT SAMUEL MAOZ VENEDIG-GEWINNER: : „Der Libanon ist unser Vietnam“

"Am 6. Juni 1982 um 6 Uhr 15 habe ich zum ersten Mal einen Menschen getötet." Der Israeli Samuel Maoz hat aus seiner Kriegserfahrung einen prämierten Film gemacht

Christina Tilmann

Es sind die ersten Tage des Libanonkriegs 1982, der junge Rekrut Samuel Maoz rückt als Panzersoldat in Beirut ein. Doch ein Marschbefehl wird falsch verstanden, der Panzer nimmt einen falschen Weg – und landet in einem Beiruter Industriegebiet, wo die syrische Armee ihre Panzer parkt. Elf feindliche Panzer und sie in der Mitte: „Ich weiß bis heute nicht, wie ich da lebend rausgekommen bin“, erzählt der israelische Regisseur. Am Ende schießen sie sich den Weg frei, fahren blindlings drauflos, brechen aus. Die feindlichen Panzer werden von der israelischen Luftwaffe plattgemacht. „Am 6. Juni 1982 um 6 Uhr 15 habe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Menschen getötet. Am 6. Juni 1982 war ich 20 Jahre alt“.

Das war die Situation, die Samuel Maoz 25 Jahre lang verfolgt hat. Und die er in seinem ersten Spielfilm „Lebanon“ verarbeitet hat, mit dem der bislang unbekannte Regisseur in Venedig den Goldenen Löwen für den besten Film gewonnen hat. Vier junge israelische Soldaten in einem Panzer, das ist die ganze Geschichte in „Lebanon“. Sie verfahren sich, stranden in einem zerstörten Dorf, töten aus Versehen einen Soldaten aus den eigenen Reihen, nehmen einen Syrer gefangen, erleben Panik, Todesangst, und kommen wider alle Wahrscheinlichkeit doch frei. Der ganze Film ist im Inneren des Panzers gefilmt, die einzige Außenwahrnehmung ist durch das zerschossene Zielrohr. Nur im letzten Bild sieht man den Panzer inmitten eines Sonnenblumenfeldes. Die Sonnenblumen lassen den Kopf hängen.

Samuel Maoz, der 1962 in Tel Aviv geboren wurde, wollte Regisseur werden, seit er 13 war. Seine erste Kamera hat er zerstört bei dem Versuch, wie in einem Western einen fahrenden Zug aufzunehmen – der Zug überrollte die Kamera. Der Armeedienst war für den 18-jährigen Filmaspiranten zunächst ein Spiel: „Mir war nicht wirklich klar, was es heißt, ein Schütze zu sein. Wir haben auf Fässer voller Benzin geschossen, die dann explodierten, das war wie ein riesiger Vergnügungspark für große Jungs. Es war cool.“ Der Kriegseinsatz kommt unerwartet – und unvorbereitet. „Ich habe instinktiv reagiert“, erklärt Maoz. Der Geruch brennenden Fleisches hat ihn jahrelang verfolgt. Bis der Fernseh- und Werbefilmregisseur sich 2007, mitten in einer Berufs- und Lebenskrise, entschlossen hat, sein Trauma anzugehen – und einen Spielfilm darüber zu machen.

Die Verarbeitung eines Kriegstraumas: Darum ging es schon in anderen Libanonkriegsfilmen, in Joseph Cedars „Beaufort“, der 2007 auf der Berlinale lief, oder in Ari Folmans „Waltz with Bashir“, der 2008 in Cannes zu sehen war. Filme, die kritisch mit dem israelischen Einsatz umgehen: „Der Libanon ist unser Vietnam“, sagt auch Samuel Maoz. Sein Film allerdings wurde von der Berlinale und auch von Cannes abgelehnt, berichtet das Fachblatt „Variety“. In Venedig kann der schmale Mann, der seinem Foto von 1982 immer noch ähnelt, sein Glück daher kaum fassen, sucht nach Worten, steht sekundenlang sprachlos auf der Bühne. Und als in der Pressekonferenz nach der Preisverleihung kritische Fragen kommen, ob das Ganze nicht israelische Propaganda sei, macht er klar: „Ich habe es so erzählt, wie es war: Ich war dabei.“ Und: „Diese Geschichte könnte überall spielen. Aus jedem Krieg kommen Soldaten zurück, die ihre Seele verloren haben. Das ist ein Film gegen jeden Krieg. Und es ist ein Film über meine eigene Schuld.“ Christina Tilmann

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