PORTRÄT SEBAHAT TUNCEL KURDISCHE ABGEORDNETE: : „Die Türkei wird sich ändern“

Thomas Seibert

Der Wahlkampf fiel für Sebahat Tuncel flach. Obwohl die 32-jährige Kurdenpolitikerin in der türkischen Metropole Istanbul für ein Parlamentsmandat kandidierte, konnte sie keine einzige Rede halten – denn sie saß im Gefängnis. Die energische Frau mit dem gelockten braunen Haarschopf schaffte es trotzdem und schrieb eine der ungewöhnlichsten Erfolgsgeschichten der türkischen Politik: Sie wechselt direkt vom Knast ins Parlament.

Tuncel gehört zu den jüngsten Abgeordneten. Im osttürkischen Malatya geboren, studierte sie Vermessungswesen und Jura. Vor zwei Jahren gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern der Partei für eine demokratische Gesellschaft (DTP), der politischen Vertretung der türkischen Kurden. Die Sicherheitsbehörden werfen der DTP vor, als politischer Arm der verbotenen Rebellengruppe PKK zu fungieren. Auch Tuncel bekam das zu spüren: Sie wurde unter dem Verdacht auf Mitgliedschaft in der PKK in Untersuchungshaft gesteckt. Trotzdem bewarb sie sich wie andere DTP-Politiker als Parteilose um ein Direktmandat; damit umging die Partei die Zehnprozenthürde für den Parlamentseintritt.

Während Tuncel vor Gericht stand, führten Helfer in Istanbul ihren Wahlkampf und sicherten ihr das angestrebte Mandat. Dank ihrer neuen parlamentarischen Immunität kam sie nach der Wahl frei. Mehrere tausend Menschen feierten sie vor dem Gefängnistor wie eine Heldin. Wie ihre 22 anderen DTP-Kollegen, mit denen sie die erste kurdische Parlamentsfraktion der türkischen Geschichte bilden will, bemüht sich Tuncel dennoch um versöhnliche Töne. Die Kurdenpartei sehe ihre Aufgabe im Parlament darin, „Lösungen zu finden“. Anders als die Kurdenpolitikerin Leyla Zana, die 1991 bei der Vereidigung im Plenum Kurdisch sprach und im Gefängnis landete, wollen Tuncel und die anderen DTP-Politiker bei der Vereidigung am kommenden Wochenende nur Türkisch sprechen.

Ganz ohne Unruhe geht der Parlamentseinzug der Kurden trotzdem nicht vonstatten. Kurz nach der Wahl änderte das Justizministerium flugs die Regeln für Abgeordnetenbesuche bei Strafgefangenen – so soll verhindert werden, dass die Kurdenpolitiker zu dem inhaftierten PKK-Chef Abdullah Öcalan pilgern. Die Antwort der Kurden kam prompt. Als die DTP-Politiker auf einem Fragebogen für die Internetseite des Parlaments nach ihren Fremdsprachenkenntnissen gefragt wurden, schrieben sie: „Türkisch.“ Thomas Seibert

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