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PORTRÄT SENER ERUYGUR, TÜRKISCHER EX-GENERAL: : „Die wollen eine Theokratie errichten“

Bisher war er einer der angesehensten Männer in der Türkei. Doch nun wurde Sener Eryugur verhaftet - er soll Putschpläne gegen die Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan unterstützt zu haben.

Thomas Seibert

Bisher war er einer der angesehensten Männer in der Türkei. Als Chef der Gendarmerie gehörte er bis vor wenigen Jahren dem Generalstab an, einem der mächtigsten Gremien im Land. Auch als Leiter der Vereinigung für Atatürk’sches Gedankengut, in der er sich nach seiner Pensionierung engagierte, ist Sener Eryugur für einen Teil der Türken Respektsperson. Am Dienstagmorgen wurde der 67-Jährige wie 24 andere Verdächtige unter dem Vorwurf festgenommen, Putschpläne gegen die Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan unterstützt zu haben. Dass die Festnahmen stattfanden, als zeitgleich das Verbotsverfahren gegen Erdogans Partei AKP in die entscheidende Phase ging, löste Spekulationen aus, die Regierung wolle ihre Gegner mundtot machen.

Allen Festgenommenen ist gemeinsam, dass sie bekannte Vertreter der Kemalisten sind – jener gesellschaftlichen Gruppe, die sich auf Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk beruft und die traditionell die Führungselite in der Türkei stellt. In jüngster Zeit wird die Machtstellung der Kemalisten durch eine neue, von Erdogan angeführte Schicht frommer Muslime aus der anatolischen Provinz infrage gestellt.

Erdogans Regierung wolle die laizistische Republik abschaffen und „eine Theokratie errichten“, hatte Eruygur erst vor wenigen Monaten erklärt. Nun soll Eruygur nach Ansicht der Staatsanwaltschaft in ein Putschkomplott verwickelt sein. Die Festnahmen vom Dienstag richteten sich gegen die nationalistische Terrorgruppe „Ergenekon“. Sie soll Anschläge unter anderem auf den Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk geplant haben, um die Militärs dazu zu bringen, Erdogan per Staatsstreich abzusetzen.

Während Eruygur und die anderen mutmaßlichen „Ergenekon“- Unterstützer in Gewahrsam genommen wurden, hielt der ebenfalls kemalistische Generalstaatsanwalt Abdurrahman Yalcinkaya sein Schlussplädoyer im AKP-Verbotsverfahren. Wie Eruygur sagte Yalcinkaya, die AKP wolle in der Türkei die islamische Scharia einführen. An diesem Donnerstag hat die AKP Gelegenheit für ein Schlusswort. Mit einem Urteil wird in wenigen Wochen gerechnet, wobei die meisten Beobachter davon ausgehen, dass das mehrheitlich mit Kemalisten besetzte Verfassungsgericht die Regierungspartei auflösen wird: Der Machtkampf zwischen den Kemalisten und dem Erdogan-Lager wird heftiger. 

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