• PORTRÄT SERGEI SOBJANIN: BÜRGERMEISTER-KANDIDAT:: „Die Moskauer blöken nicht im Chor“

PORTRÄT SERGEI SOBJANIN: BÜRGERMEISTER-KANDIDAT: : „Die Moskauer blöken nicht im Chor“

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Es war einer der Giftpfeile, die Sergei Sobjanin beim Gerangel um das Amt des Moskauer Oberbürgermeisters, das am Sonntag neu vergeben wird, abschoss: „Die Moskauer sind nicht die Leute, die im Chor blöken und im Gleichschritt marschieren.“

Gerichtet war er auf Alexei Nawalny. Der Kremlkritiker hatte nach den umstrittenen Parlamentswahlen 2011 eine kurzzeitig machtvolle Protestbewegung aus dem Boden gestampft, die die Macht mit Demos und flott skandierten Sprüchen traktierte. Die angeblich gefälschte Abstimmung war es auch, die Sobjanin im Frühjahr veranlasste, als Stadtchef zurückzutreten, um den Weg für Wahlen freizumachen. Damit will Sobjanin, der 2010 vom Kreml zum Oberbürgermeister ernannt wurde, nicht nur sich selbst demokratisch legitimeren lassen, sondern auch seinen Freund Wladimir Putin vom Verdacht reinwaschen, in Russland würden permanent Wahlen manipuliert.

Die Rechnung geht nur auf, wenn gegen den Kandidat der Macht – und das ist Sobjanin, obwohl er offiziell als Unabhängiger antritt – möglichst viele Oppositionelle kandidieren. Je kritischer diese sind, desto besser. Gefährden dürfen sie den Sieg des Favoriten allerdings nicht. Aber das schafft auch Nawalny trotz gewisser Sympathien bei den Hauptstädtern nicht. Für ihn wollen maximal fünfzehn Prozent stimmen. Russland liebt seine Rebellen, vertraut die Macht aber stets Verwaltungsprofis an. Solchen wie Sobjanin, der Umfragen zufolge bereits im ersten Wahlgang mit weit über sechzig Prozent siegt.

Obwohl der 55-jährige Volljurist ein Zugereister ist und diese bei den Moskowitern eher unbeliebt sind: Sobjanin ist Sibirier, geboren und aufgewachsen im Autonomen Bezirk der Chanten und Mansen, kleinen indigenen Völkern des Hohen Nordens, die zu Sowjetzeiten besonders gefördert wurden. Karriere machte Sobjanin allerdings erst im postkommunistischen Russland, ganz steil nach oben ging es für ihn mit Rückendeckung der Putin-Partei „Einiges Russland“, an deren Gründung er maßgeblich beteiligt war. Für seine Loyalität wurde er 2005 mit dem Chefposten in der Kremlverwaltung – dem eigentlichen Machtzentrum Russlands – belohnt. Formal bedeutet der Wechsel ins Amt des Moskauer Oberbürgermeisters daher einen Karriereknick. Doch Beobachter glauben, dass der Posten lediglich ein Parkplatz sei – und Sobjanin mit Putins Segen ganz oben enden werde. Elke Windisch

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