PORTRÄT SHENOUDA III. PAPST VON ALEXANDRIA: : „Der Staat steht jetzt in der Pflicht“

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Die jungen Kopten wollen nicht mehr auf ihn hören. „Ich appelliere an euch, kehrt zur Ruhe zurück, denn nur in Ruhe lassen sich Probleme lösen“, beschwor Papst Shenouda III. seinen kirchlichen Nachwuchs. Das 87-jährige Kirchenoberhaupt forderte die Regierung Ägyptens auf, sich endlich ernsthaft mit den Anliegen der koptischen Minderheit auseinanderzusetzen: „Der Staat steht jetzt der Pflicht.“

Doch die Wut seiner Mitgläubigen nach dem Bombenattentat in der Neujahrsnacht lässt sich nicht bremsen. Schon am gleichen Abend lieferten sich 4000 junge Kopten in Kairo schwere Straßenschlachten mit der Polizei – und kündigten weitere Aktionen für die kommenden Tage an. Auch wenn es nicht die erste Krise ist, die der Papst in seinem bisher 39-jährigen Pontifikat im Zusammenleben zwischen Kopten und Muslimen meistern muss, Shenouda III. scheint zu ahnen, dass seine Heimat diesmal in ihren Grundfesten erschüttert werden könnte.

Denn er ist nicht nur hoch gebildet, ein brillanter Prediger, sondern auch ein überzeugter Patriot. Als Offizier der ägyptischen Armee nahm er an dem arabisch-israelischen Krieg von 1948 teil. An der Universität von Kairo studierte Nazir Gayed, wie er mit bürgerlichem Namen hieß, Geschichte und Archäologie, später am koptisch- orthodoxen Seminar auch Theologie. 1954 trat er in das Kloster Deir es-Suryan im Wadi Natrun ein und lebte längere Zeiten als Einsiedler in einer Felsenhöhle. 1962 wurde er zum Bischof geweiht, am 31. Oktober dann zum 117. Nachfolger des Apostels Markus gekürt, auf den die koptische Kirche ihre Existenz zurückführt. Schon ein Jahr später kam es während des Ramadan-Krieges zu schweren Ausschreitungen gegen die Kopten. 1981 eskalierte der Konflikt, als Shenouda III. aus Protest gegen die Untätigkeit der Behörden alle Feiern zu Ostern absagte. Präsident Anwar as-Sadat setzte ihn daraufhin unter Hausarrest. Erst 1985 kam er wieder frei – unter Sadats Nachfolger Hosni Mubarak.

Unter seinem langen Pontifikat haben vor allem das Gemeindeleben und das Mönchtum einen großen Aufschwung genommen. Das Netz der Auslandskirchen in Europa, Amerika und Australien ist kräftig gewachsen. Gleichzeitig aber blieb die theologische Ausbildung der Priester mangelhaft. Das ist auch ein Grund, warum aufgeklärte Kopten eine zunehmende Bunkermentalität und Engstirnigkeit in ihren eigenen Reihen beklagen. Martin Gehlen

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