Porträt : SIAVASH GHOMAYSHI: „Komm mit mir, der Weg ist nicht mehr weit“

Der Iraner war ein unpolitischer Popsänger. Jetzt ist er ein politischer Popsänger

Saba Farzan
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Foto: promo

Mit 14 Jahren komponierte Siavash Ghomayshi seinen ersten Popsong. Wenige Jahre zuvor hatten ihn seine Eltern nach London zum Musikstudium an die Royal Academy of Arts geschickt. Ihn als das Wunderkind der iranischen Populärmusik zu bezeichnen, ist keineswegs übertrieben. Kaum ein Künstler hat seit nunmehr vier Jahrzehnten die iranische Popmusik als Komponist, Pianist, Sänger und Songwriter so sehr geprägt. Neben dem theoretischen Studium des klassischen Pop und Jazz lernte Ghomayshi sein praktisches Handwerk bei zwei englischen Rockbands. Kurz vor der islamischen Revolution zog Siavash Ghomayshi dann nach Los Angeles. Seitdem zieht sich das Leitmotiv der Sehnsucht nach der iranischen Heimat durch sein künstlerisches Schaffen – abzulesen an Titeln wie „Diaspora“, „Longing“ oder „Nostalgic“.

Bis zum vergangenen Sommer waren seine Werke sehr gefühlvoll, aber weitestgehend unpolitisch. Doch seit dem 12. Juni 2009 ist alles anders, und Siavash Ghomayshi komponierte seinen ersten politischen Popsong: „Mein Freund“ ist eine Hommage an seine couragierten Landsleute in der iranischen Heimat und geht mit seinem gesamten Text, Melodie und Rhythmus unter die Haut. Die Zeilen „Wenn die Welt in Dunkelheit versinkt, dann greif nach dem Licht. Und komm mit mir, der Weg ist nicht mehr weit“ verdeutlichen, dass die Iraner weltweit seit den Ereignissen des letzten Sommers durch eine wortwörtlich sturmvolle Zeit gehen. Getragen ist dieser Popsong von großer Hoffnung – „ein Morgen in Freiheit“, das so unbestimmt gar nicht mehr ist – und überragender Solidarität – „die ganze Welt gehört uns und die Sonne steht hinter uns“. Für Außenstehende mag es merkwürdig klingen, dass man zu solch politischem Popsong locker tanzen sollte. Doch für die Iraner ist das ganz normal. Die Textzeile „Du wirst am Leben bleiben, mein Freund“ ist fast als ein Gebet für die mutigen Menschen zu verstehen, die in diesem friedlichen Freiheitskampf nicht aufgeben und ihr Leben riskieren.

„Rafigh“, der persische Titel dieses Songs, ist eine Verneigung vor den vielen Opfern, die die Proteste bisher gefordert haben, und den mutigen Demonstranten, die weiterhin auf die Straßen Irans gehen. „Mein Freund“ ist ein einzigartiges Stück Populärkultur, das zwei wichtige Elemente der iranischen Freiheitsbewegung ins Bewusstsein rückt: Zusammenhalt und Friedfertigkeit.

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