PORTRÄT SIMONE VEIL, FRANZÖSISCHE EUROPÄERIN: : "Bin Optimistin, aber ohne Illusionen"

Simone Veil ist die beliebteste Politikerin Frankreichs. Nun gehört sie zu den "Unsterblichen", wie die Mitglieder der Académie francaise genannt werden.

Hans-Hagen Bremer
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Foto: AFP

Sie hätte Premierministerin werden können. Unter den Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing oder Francois Mitterrand lag das Amt des Regierungschefs für sie zum Greifen nahe. Sogar als Staatspräsidentin hätten sie manche gern im Elyséepalast gesehen. Schließlich war Simone Veil - und eigentlich ist sie es ja immer noch – die beliebteste Politikerin Frankreichs. Nun gehört sie zu den „Unsterblichen“, wie die Mitglieder der Académie francaise genannt werden. Am Donnerstag wurde sie als Nachfolgerin auf den Sitz gewählt, der vor einem Jahr durch den Tod des ehemaligen Premierministers Pierre Messmer in der ehrwürdigen Institution frei geworden war. Die einstige mehrmalige Gesundheits- und Sozialministerin ist damit eine von derzeit fünf Frauen unter den 40 Mitgliedern der Académie.

Lange hatte sie gezögert, sich zu bewerben. Mit nur drei Büchern, darunter ihrer Autobiografie, die freilich eine Rekordauflage von einer halben Million Exemplaren erreichte, fällt die Bilanz ihrer Veröffentlichungen für französische Verhältnisse eher gering aus. Doch der Académie gehören nicht nur Schriftsteller, Philosophen und Wissenschaftler an, sondern auch politische Persönlichkeiten, die sich als moralische Autorität erwiesen haben. So erfährt Simone Veil jetzt, im Alter von 81 Jahren, die Krönung eines Lebensweges, auf dem sie viele Höhen und Tiefen erlebte – und selbst die Hölle durchmachte.

Als junges Mädchen war sie 1944 in Nizza aus der behüteten Kindheit ihres jüdischen Elternhauses herausgerissen und nach Auschwitz deportiert worden. Sie verlor Vater, Mutter und Bruder. Sie selbst überlebte nur dank eines Zufalls. Was andere zur Verzweiflung gebracht hätte, gab ihr Kraft. Die klaren Moralvorstellungen des Vaters und die Liebe der Mutter zu den Mitmenschen wurden ihr nach dem Krieg zu Leitlinien für ihr Leben als Juristin und dann als liberale Politikerin, die 1975 das Gesetz zur Legalisierung der Schwangerschaftsunterbrechung gegen heftigste Angriffe und sogar antisemitische Beleidigungen im Parlament durchsetzte.

Aus dieser Zeit rührt ihr Ruf als einer unerschrockenen Kämpferin für Recht und Vernunft, als die sie sich ab 1979 auch als erste gewählte Präsidentin des Europaparlaments Anerkennung erwarb. Damals hoffte sie noch auf ein föderales Europa. Das hält sie bei der EU mit 27 Mitgliedern nicht mehr für möglich. „Ich bin Optimistin, aber ohne Illusionen“, sagt sie.

Viele andere Ehrungen sind ihr im Lauf ihrer Karriere zuteil geworden. Aber bis heute auch Anfeindungen. Eine „Schande“ nannten Abtreibungsgegner ihre Aufnahme in die Académie. Hans-Hagen Bremer

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