Porträt Sonia Sotomayor : Fairness muss man herstellen

Sie wuchs in New Yorks Bronx auf, studierte an Eliteuniversitäten und wurde die erste Latina am Obersten Gerichtshof der USA. In Berlin hat Sonia Sotomayor jetzt ihre Memoiren vorgestellt.

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Richterin Sonia Sotomayor Foto: AFP
Richterin Sonia SotomayorFoto: AFP

Wer sie als Produkt der Quote beschimpft, hat schlechte Karten – genau darauf ist sie stolz. Sonia Sotomayor, die erste Latina am Obersten Gerichtshof der USA und, nebenbei, erst die seinerzeit dritte Frau in diesem Amt, sieht sich selbst als Kind der affirmative action, der inzwischen 50 Jahre alten systematischen staatlichen Minderheitenförderung. In der New Yorker South Bronx, wo die 59-Jährige als Tochter puertoricanischer Eltern aufwuchs, wurde einem eine Karriere über Princeton und Yale bis zum Supreme Court nicht an der Wiege gesungen. Deshalb hat sie im April auch nicht nur als eine von zwei Richterinnen mit Nein gegen den Staat Michigan gestimmt, der seine Verfassung um ein Verbot von affirmative action erweitert hatte. Sie begründete ihr Votum auch auf 58 langen Seiten.

Sie könne nicht Persönliches von Juristischem trennen, schimpften da ihre Gegner. Aber auch damit kann man ihr wenig anhaben. Für sie sind die persönlichen Interessen und Rechte von Benachteiligten sowieso nur einer der guten Gründe für Minderheitenförderung. Ein anderer ist eine besser funktionierende Gesellschaft: „Ich denke, dass eine weise Latina mit dem ganzen Reichtum ihrer Lebenserfahrung öfter ein gutes Urteil fällt als ein weißer Mann, der so ein Leben nicht gelebt hat“, sagte sie einmal. Bei ihrer Nominierung 2009 hielten ihr das rechte Republikaner als Rassismus vor.

Dabei weiß sie nur zu gut, dass ein Leben wie ihres auch zu anderen Schlüssen führen kann, wie sie jetzt in Berlin erzählte, wo sie vor einem enthusiastischen Publikum im überfüllten Senatssaal der Humboldt-Universität ihre Jugenderinnerungen vorstellte. Ihr Kollege am Obersten Gerichtshof – gemeint war offensichtlich der konservative afroamerikanische Richter Clarence Thomas – habe sich als Nutznießer der Minderheitenförderung zum Außenseiter gestempelt gefühlt. Und sie kenne viele Richter aus Minderheiten, die Kriminelle aus Minderheiten-Nachbarschaften besonders hart aburteilten: „Wenn ich es geschafft habe, glauben sie, dann hättest du es auch schaffen können.“

Sotomayor hat die harte Schule der Bronx eher Wärme mitgegeben. Ihr Vater soff sich tot, ihr Cousin starb mit 28 an den Folgen seines Drogenkonsums. „Aber sie waren gute Menschen.“ Rasse und Herkunft zählten weiter, „das Leben ist nicht so fair, wie wir es uns wünschen“. Deshalb müssten die Menschen es eben etwas fairer machen. Andrea Dernbach

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