• PORTRÄT STEPHEN HARPER KANADISCHER REGIERUNGSCHEF:: „So viel zu meiner wilden Seite“

PORTRÄT STEPHEN HARPER KANADISCHER REGIERUNGSCHEF: : „So viel zu meiner wilden Seite“

Lars von Törne
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Er behält sein Pokerface. Sogar an einem für ihn so triumphalen Tag wie diesem. „Wenn ich eine Sache in diesem Geschäft gelernt habe, dann die, dass Überraschungen bei der Bevölkerung nicht gut ankommen“, sagt der alte und neue kanadische Premierminister Stephen Harper am Tag nach der Parlamentswahl. Die hatte dem 52-jährigen Wirtschaftswissenschaftler am Montag nach fünf mühsamen Jahren an der Spitze einer Minderheitsregierung einen politischen Erdrutsch beschert: Künftig kann der nach außen farblos wirkende aber innerlich leidenschaftliche Konservative mit absoluter Mehrheit regieren, ohne wie bisher auf wechselnde Partner angewiesen zu sein. Zum letzten Mal waren Kanadas Konservative 1988 in einer so komfortablen Lage.

Einen Rechtsruck im geografisch zweitgrößten Land der Erde, den Skeptiker befürchten, soll es trotzdem nicht geben. „Wir wollen mit dem weitermachen, wofür die Kanadier uns kennen und womit sie sich zunehmend wohlfühlen“, sagt Harper am Tag nach der Wahl in seiner Heimatstadt Calgary. Und dann gesteht er augenzwinkernd, sich zumindest für einen Moment dem Rausch hingegeben zu haben: In der Wahlnacht habe er auf Drängen seines Teams einen Schluck aus der Champagnerflasche getrunken – als strikter Anti-Alkoholiker: „So viel zu meiner wilden Seite.“

Der Sieg ist allerdings nur zum Teil auf seine Verdienste zurückzuführen. Zwar halten es viele Kanadier dem Familienvater zugute, dass sein Land die Wirtschaftskrise gut überstanden hat, auch sein hartes Eintreten gegen Kriminalität bescherte ihm Sympathien. Mindestens ebenso wichtig war jedoch die Schwäche der Konkurrenz. Die Liberalen, die Kanada lange führten, brachen in Hochburgen wie Toronto ein – auch, weil Parteichef Michael Ignatieff als zu intellektuell und abgehoben wahrgenommen wurde. Er stellte jetzt sein Amt zur Verfügung. Zudem verlor der separatistische Bloc Québécois massiv und stürzte in die nationale Bedeutungslosigkeit. Die sozialdemokratische NDP legte zu und löst die Liberalen als Oppositionsführung ab.

Aus deutscher Sicht dürfte es unter dem gestärkten Regierungschef nur minimale Akzentverschiebungen geben. Außen- wie innenpolitisch versuchte Harper nach der Wahl alle Sorgen zu zerstreuen, er habe eine „Hidden Agenda“, einen Geheimplan zur radikalen Wende, den er bislang nur mangels Mehrheiten nicht umsetzen konnte: „Ich will für alle Kanadier regieren, auch für diejenigen, die uns nicht gewählt haben.“ Lars von Törne

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