PORTRÄT SUSANNE BAER NEUE VERFASSUNGSRICHTERIN: : „Justitia braucht eine Brille“

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Als die Grünen vor über zehn Jahren erstmals einen Richter für das Bundesverfassungsgericht vorschlagen durften, sollen sie sich reihenweise Absagen etablierter Professoren eingehandelt haben, erst der gelassene Hamburger Verfassungs- und Völkerrechtler Brun-Otto Bryde war bereit. Grün war eben noch keine Mode-, sondern eine Minderheitenfarbe, eine etwas grelle dazu.

Heute, da das Grün grauer geworden ist und sich einfügt in das Schwarzgelbrot der Berliner Politik, ist die Suche kürzer. Susanne Baer, die kommende Woche von Bundespräsident Christian Wulff in Berlin zu Brydes Nachfolgerin im Ersten Senat ernannt wird, dürfte jedenfalls nicht lange überlegt haben, als Renate Künast bei ihr anfragte. Und umgekehrt lässt es auf ein drastisch gestiegenes Selbstbewusstsein der Partei schließen, eine Richterin wie Baer durchzusetzen. Baer, Jahrgang 1964, Professorin für Öffentliches Recht und „Geschlechterstudien“ an der Humboldt-Universität, lebt offen lesbisch, promovierte rechtsvergleichend über den Schutz vor sexueller Belästigung am Arbeitsplatz, bezeichnet sich selbst als radikale Feministin und ist überzeugt, dass Mann und Frau noch einen langen Weg vor sich haben, um sich von gleich zu gleich begegnen können.

Wer derzeit dem Saar-Ministerpräsidenten Peter Müller vorwirft, er habe zu viel politisches Profil für ein Karlsruher Richteramt, könnte diesen Einwand auch gegen Baer geltend machen: Politisches Profil erwirbt man nicht nur in der Politik. Anders als im Fall Müller sind dafür Baers fachliche Qualifikationen über jeden Zweifel erhaben. Sie hat eine profunde wissenschaftliche Laufbahn mit Stationen in den USA, gilt als temperamentvoll, präzise, klug und schnell, und Konservative, die meinen, ihr fehle es an schönen Familienerfahrungen, um ausgleichend zu richten, wird die Tochter aus kinderreichem Haushalt zu bescheiden wissen.

Wer genauer hinhört, erfährt auch, dass mit ihr keine linke Revoluzzerin nach Karlsruhe zieht, sondern eine durchaus liberale Staatsrechtlerin, die staatliche Bevormundungstendenzen skeptisch sieht. Sie verfügt über eine klare, unprätentiöse Sprache, die ihr am Gericht helfen wird, ihre Positionen zu verdeutlichen. Sie wird auch anecken, dafür war sie schon an der Uni bekannt. „Justitia braucht eine Brille“, begründet sie ihren Einsatz für den scharfen Blick auf Geschlechterrollen. Selbst trägt sie auch eine. Jost Müller-Neuhof

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