PORTRÄT TARIQ RAMADAN ISLAMWISSENSCHAFTLER: : „Nicht anpassen, sondern verändern“

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Foto: dpaKEYSTONE

Die USA strecken die Hand aus: Der Philosoph und Islamwissenschaftler Tariq Ramadan darf nach fünfjähriger Sperre wieder in die USA einreisen. Diese Umkehr zeugt von neuem Denken in Washington, wo man mit dem Islam in einen neuen Dialog treten will. Da macht es sich schlecht, einen der prominentesten Vordenker des europäischen Islam auszuschließen. Unter George W. Bush hatte es 2004 gereicht, dass Ramadan einer palästinensischen Organisation, die unter anderem die islamistische Hamas unterstützen soll, rund 1000 Euro spendete. Dem 47-jährigen Schweizer ägyptischer Herkunft wurde die bereits bewilligte Einreise verweigert. Ramadan musste damals auf eine Professur an der katholischen Universität Notre Dame in Indiana verzichten. Seit 2006 ist er Gaststipendiat an der Universität Oxford.

Der in Genf geborene Ramadan, ein Enkel des Begründers der ägyptischen Muslimbruderschaft, Hassan al Banna, ist im Westen umstritten: Er predigt einen selbstbewussten Islam, lehnt Assimilierung ab, fordert aber die Integration und aktive Teilnahme von Muslimen am gesellschaftlichen Leben in Europa. Islam und westliche Werte schließen sich für ihn nicht aus, auch wenn er manchmal Unschärfen erkennen lässt. Besonders für junge Muslime der Mittelschicht ist Ramadan eine Identifikationsfigur. Er gilt als Reformer, der aber auch an die Grenzen der Reformierbarkeit des Islam stößt: In seinem 2009 auf Deutsch erschienen Buch „Radikale Reform“ fordert Ramadan, zwischen dem „Unveränderlichen, dem Absoluten und Transhistorischen in der Offenbarung und dem zu unterscheiden, was aufgrund zeitlicher Entwicklung und der sich ändernden Umstände dem Wandel unterworfen ist“. Damit könne der Koran, der als das direkte Wort Gottes gilt, aus dem Gefängnis einer buchstabengetreuen Auslegung befreit werden.

Ramadans Kritiker bemängeln, er distanziere sich nicht deutlich genug von islamischen Überzeugungen, die mit westlichem Liberalismus nicht vereinbar seien. Ihnen sind die einfachen und dogmatischen Thesen einer Ayaan Hirsi lieber, die den Islam für unvereinbar mit den Frauenrechten und eigentlich allen modernen Errungenschaften hält. Ramadan ist sicher ein schwieriger Gegner für Islam-Hasser und die Anhänger der These vom „Kampf der Kulturen“. Doch jetzt kann sich Amerika auf einen neuen intellektuellen Wettstreit freuen. Andrea Nüsse

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