PORTRÄT TIMOTHY SNYDER HISTORIKER: : „Ein Territorium, das vor Blut triefte“

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Als der amerikanische Historiker Timothy Snyder 2010 sein Buch „Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin“ vorlegte (2011 ins Deutsche übersetzt und bei C. H. Beck erschienen), setzte so etwas wie ein zweiter Historikerstreit über das Verhältnis von Stalinismus und Nationalsozialismus ein. Jetzt erhält Snyder den mit 7500 Euro dotierten „Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken“. Der an der Yale University lehrende Historiker habe, so heißt es in der Begründung, mit seinem Buch „ein vergessenes und verdrängtes Kapitel der europäischen Geschichte aufgeschlagen“.

Snyder behandelt in seinem Buch die ungeheuren Massentötungen in einem Gebiet, das die heutige Ukraine, Weißrussland, das Baltikum sowie den Osten Polens und Teile Russlands umfasst. „Es gab ein bestimmtes Territorium“, so Snyder, „das vor Blut triefte“, weil Sowjets und Deutsche dort zwischen den Jahren 1933 und 1945 insgesamt 14 Millionen Zivilisten töteten. Die Morde der Deutschen seien sehr häufig „dort geschehen, wo zuvor die Sowjets waren, und umgekehrt“.

Snyder verwahrte sich jedoch stets gegen „Geschichtsmetaphsik“. Frühere Ereignisse ließen sich nicht durch spätere erklären oder gar rechtfertigen. Es gebe die Tendenz – merkte Snyder wohl mit Blick auf den durch Ernst Nolte ausgelösten „ersten“ Historikerstreit an –, die beiden Diktaturen „als Erfüllung der jeweils anderen“ anzusehen. Zwar habe es in den Jahren von 1939 bis 1941 bisweilen ein Zusammenwirken der beiden Mächte gegeben, aber meist eben nicht. Der große Unterschied bestehe darin: „Die Sowjets töteten zu Hause und in Friedenszeiten, die Deutschen im Ausland und im Krieg.“ Snyder spricht von „zunehmender Gewöhnung an Gewalt“.

Snyders Buch „Bloodlands“ erhielt nach seinem Erscheinen in den USA zahlreiche Auszeichnungen. Der seit 1995 jährlich vergebene und von der Bremer Landesregierung sowie der HeinrichBöll-Stiftung ausgelobte Preis soll Snyder am 6. Dezember im Bremer Rathaus überreicht werden. Er erinnert an die in Hannover geborene deutsch-jüdische Mitbegründerin der Totalitarismustheorie Hannah Arendt, die viele Diskussionen der 60er Jahre mitprägte. Zu Arendt hat Snyder angemerkt, sie habe Europa in dem Augenblick verlassen müssen, als der Holocaust begann. „Ihr Bild von einem zentralistischen deutschen Staat“ treffe „nur für einen kleinen Teil dessen zu, was wirklich geschah“. Bernhard Schulz

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