PORTRÄT UMARU YAR ADUA, PRÄSIDENT NIGERIAS : "Das Problem an der Wurzel packen"

Er herrscht über das unregierbarste Land Afrikas. Unter Kontrolle hat Umaru Yar Adua Nigeria jedoch nicht.

Dagmar Dehmer

Umaru Yar Adua regiert das vermutlich unregierbarste Land Afrikas. Rund 150 Millionen Einwohner leben in Nigeria, etwa die Hälfte davon sind Christen, die andere Hälfte Muslime. Im Norden haben 12 von insgesamt 36 Bundesstaaten 1999 nach dem Ende der Militärdiktatur von Sani Abacha islamisches Recht, die Scharia, eingeführt. Das Land lebt fast ausschließlich vom Erdöl, musste aber gerade in dieser Woche mitansehen, wie es von Angola größter Erdöllieferant Afrikas überholt wurde. Die Verteilung des Ölreichtums ist heute so ungleich wie zu Beginn der Ölförderung. Auf dem UN-Index der menschlichen Entwicklung liegt Nigeria auf Platz 158 von insgesamt 177. Die Lebenserwartung der nigerianischen Männer liegt bei 46, die der Frauen bei 47 Jahren. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf beträgt 930 Dollar im Jahr.

In Nigeria ist Gewalt nie weit weg. Im Niger-Delta, der Ölförderregion, gehören Entführungen, Überfälle, Öldiebstahl und Piraterie zum Alltag. Immer wieder kommt es zudem zu Konflikten zwischen Christen und Muslimen, zuletzt im vergangenen November in der Stadt Jos im Plateau-Staat. 700 Menschen sollen dort gestorben sein, nachdem die Unzufriedenheit über eine wohl nicht korrekt verlaufene Regionalwahl Unruhen ausgelöst hatte. Im Niger- Delta kämpfen diejenigen Rebellen, die sich nicht einfach nur bereichern wollen, gegen das Militär und angeblich um eine gerechtere Verteilung des Ölreichtums.

Erst im Mai versuchte der 58-jährige Präsident, den nigerianische Medien abschätzig als „Schlafwandler“ bezeichnen, weil sie ihm Inaktivität vorwerfen, im Niger-Delta eine Offensive. Nach wochenlangen Kämpfen, die offenbar wenig Erfolg hatten, bot er eine Amnestie an und ließ schließlich den Anführer der wichtigsten Rebellengruppe im Süden des Landes, Henry Okah, nach knapp zwei Jahren aus dem Gefängnis frei. Die Gruppe kündigte daraufhin einen Waffenstillstand bis zum 15. September an. Das Angebot einer Amnestie für all diejenigen, die ihre Waffen abliefern, soll noch bis Anfang Oktober gelten.

Im Norden wählte der Muslim Yar Adua einen ganz anderen Weg: Bevor er sich auf den Weg zu einem Besuch nach Brasilien machte, gab er den Sicherheitsbehörden freie Hand bei der Niederschlagung der Angriffe einer islamistischen Sekte mit dem Namen Boka Haram. Damit dürfte die Geschichte aber kaum zu Ende sein. Dagmar Dehmer

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