Porträt : Ursula Raue: "Ich bin nicht ins System integriert"

Sie ist nicht einmal katholisch - und nun vermittelt die Berliner Rechtsanwältin im Skandal um das Canisius-Kolleg.

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Eine unabhängige Perspektive garantiert die Mediatorin mit ihrem persönlichen Hintergrund. Die Rechtsanwältin Ursula Raue wurde vom Jesuitenorden Anfang 2007 als Beauftragte für Missbrauchsfälle engagiert – „obwohl ich Frau und nicht mal katholisch bin“. Für sie ist das ein Zeichen, dass die Stelle hier besonders ernst genommen wird: „Ich bin ja überhaupt nicht ins System integriert.“ Seitdem laufen Verdachtsfälle über ihren Schreibtisch, wobei sie Wert darauf legt, dass solche Fälle begründet sein müssen. Wenn eine Versetzung ansteht, wird sie ebenfalls einbezogen, um akzeptable Lösungen zu finden. Dass die katholische Kirche wegen ihrer Regularien in besonderer Weise von Missbrauchsfällen betroffen ist, glaubt sie freilich nicht: „Ich denke, dass sich überall dort, wo Jugendliche sind, ein deutlich höherer Anteil von Leuten mit pädophilen Neigungen sammelt. Das trifft auch auf Sportclubs zu.“

Schon in ihrer Zeit als Präsidentin des Juristinnenbundes hat sie sich zwischen 1993 und 1997 mit der Problematik des Missbrauchs auseinandergesetzt. Das vertiefte sich in ihrer Zeit als erste Präsidentin der Opferschutzorganisation „Innocence in Danger“. Zwischen 2003 und 2009 hat sie sich in dieser Funktion auch mit dem neuen Phänomen des sexuellen Missbrauchs im Internet auseinandergesetzt und im Verbund mit prominenten Berlinern wie Volker Schlöndorff und Isa Gräfin von Hardenberg mitgeholfen, in der Öffentlichkeit Problembewusstsein dafür zu schaffen.

Die frühere Frau des Kunstanwalts Peter Raue wird geschätzt für ihr freundliches und unprätentiöses Auftreten, ist freilich ganz stolz darauf, dass sie Mutter von zwei Kindern und Großmutter von zwei Enkelkindern ist.

Männervereinigungen, die Sexualität nicht zum Thema machen, sind aus ihrer Sicht durchaus gefährdet. Geheimhaltung und Tabuisierung solcher Themen schafften leicht Probleme. Wer sexuelle Enthaltsamkeit gelobt habe und damit dann letztlich nicht fertig werde, müsse ja auch fürchten, versetzt zu werden oder ganz seinen Job zu verlieren. Das verführt zu Heimlichkeiten.

„Wir haben es nach der sexuellen Revolution allerdings mit einer neuen Riege von Verantwortlichen zu tun“, sagt Ursula Raue. „Diejenigen, die heute 50 oder jünger sind hatten eine andere Sozialisation, sind in einem Umfeld aufgewachsen, wo Sexualität Thema sein durfte. Die Jüngeren schauen auch genauer hin.“

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