Porträt: Verschwundene Sängerin Jamyang Kyi : "Mein Herz ist in Tibet“

Obwohl sie nie über politisch sensible Themen sang und auch nie in Konflikt mit der chinesischen Zensur gekommen ist - jetzt ist die Tibeterin Jamyang Kyi plötzlich spurlos verschwunden.

Harald Maass

Sie galt als eine unpolitische Sängerin. Die Tibeterin Jamyang Kyi aus der Provinz Qinghai sang in ihren Texten nie über politisch sensible Themen und hatte nie Konflikt mit den chinesischen Zensur. Jetzt ist sie verschwunden. Polizisten in Zivil hätten die 42-Jährige am 1. April aus der staatlichen Rundfunkanstalt Qinghai TV, wo Jamyang Kyi auch als Produzentin arbeitete, abgeführt, berichteten Familienangehörige. Seitdem ist ihr Aufenthaltsort unbekannt. „Sie ist in Schwierigkeiten“, sagt Ehemann Lamao Jia.

Über die möglichen Anschuldigungen gegen Jamyang Kyi, die vor allem unter Exiltibetern bekannt ist, schweigt die Familie. Er befürchte Repressalien der chinesischen Behörden, sagte Lamao Jia der „New York Times“. „Ich bin besorgt um ihre Sicherheit. Mehr kann ich im Moment nicht sagen.“

Seit den Aufständen in Lhasa und in anderen Gebieten tobt in Tibet eine Umerziehungskampagne. In staatlichen Zeitungen wird der Dalai Lama als „Wolf mit Menschengesicht“ diffamiert, in den Klöstern müssen Mönche Peking Treue schwören. Nach offiziellen Angaben wurden mehr als 3000 Menschen – darunter 519 Mönche – festgenommen. Augenzeugen sprechen von einer systematischen Verhaftungswelle. Polizisten der Spezialeinheit „Wujing“ ziehen von Haus zu Haus und nehmen die Bewohner mit. Als verdächtig gilt, wer nicht öffentlich die Politik Pekings unterstützt oder Kontakte zu Exiltibetern unterhält.

Beobachter fürchten, dass auch Jamyang Kyi Opfer dieser Kampagne wurde. Offiziell hat Peking ihre Verhaftung nicht bestätigt. Eine Sprecherin des Außenministeriums erklärte, dass sie nichts über den Fall wisse. In China ist das nicht ungewöhnlich: Wenn die Staatssicherheit Bürgerrechtler verschleppt, bleiben diese oft monatelang verschwunden, ohne dass es eine offizielle Anklage oder Stellungnahme gibt. Seit einer Woche nach der Verhaftung habe die Familie keinen Kontakt mehr zu Jamyang Kyi, sagt Lamao Jia.

Jamyang Kyi, die mit ihrem Mann und zwei Kindern in der Stadt Xining lebt, trat häufig zu Konzerten im Ausland auf. Dabei soll sie auch mit Exiltibetern aufgetreten sein. Für die Behörden war sie damit offenbar schon verdächtig. Die Familie kann nur warten und hoffen, dass die Sicherheitspolizei sie wieder freilässt. Offenbar haben sie eine Vermutung, warum Jamyang Kyi verhaftet wurde. „Wenn es wirklich schlecht läuft“, sagt Lamao Jia, „dann werde ich alles erzählen.“

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