PORTRÄT VITTORIO LAMPUGNANI STADTSCHLOSS-JUROR: : „Besser als Schlüter um 1700“

Vittorio Magnago Lampugnani liegt gern quer zum Zeitgeist. So auch jetzt bei der geplanten Fassadenrekonstruktion des Berliner Schlosses.

Bernhard Schulz

Für Überraschungen war er immer gut. Vittorio Magnago Lampugnani, 1951 in Rom geboren und dort erst auf die Schweizer, dann die Deutsche Schule gegangen, liegt gern quer zum Zeitgeist. So auch jetzt bei der geplanten Fassadenrekonstruktion des Berliner Schlosses, dem er die von seinen Verfechtern nachgesagte bauhistorische Einzigartigkeit mit einem Mal bestreitet. „Bei aller Kritik an der gegenwärtigen Architektur“, sagte er, „möchte ich nicht ausschließen, dass ein heutiger Kollege besser sein könnte als Andreas Schlüter um 1700.“

Lampugnanis Wort hat Gewicht; der 57-jährige Professor für Architekturgeschichte an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich ist Vorsitzender der Jury, die Ende November den Entwurf für das Gehäuse des Humboldt-Forums bestimmen soll. Bislang zählte man ihn zu den Verfechtern der vom Bundestag beschlossenen historischen Rekonstruktion. Denn in den Jahren des Berliner Baubooms rechnete er wortgewaltig mit den Verfechtern des Neuen ab. „Wir müssen den Mythos der Innovation, eine der verhängnisvollsten Erbschaften aus der Epoche der Avantgarde, aufgeben“, schrieb er 1993, und forderte die Rückkehr zur „Konvention“: „Es werden wieder traditionsfähige Architekten gesucht.“

Ein Sturm der Entrüstung brach los, zu einer Zeit, da jeder Architekt „die absurdesten Tragkonstruktionen mit den schrägsten Fassaden“ vorführen wollte, wie Lampugnani geißelte. Stattdessen empfahl er die Rückkehr zum Handwerk, und wäre er nicht Italiener, der Vorwurf der Deutschtümelei hätte ihn allemal getroffen.

Dabei ist Lampugnani ein exzellenter Kenner der Architektur und ihrer Geschichte. Anfang der achtziger Jahre arbeitete er bei der Internationalen Bauausstellung in Berlin, dann leitete er von 1990 bis 1995 das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main; die Herausgeber tätigkeit der führenden italienischen Architekturzeitschrift „Domus“ bis zu seiner Berufung nach Zürich kam hinzu. Und nebenbei ist Lampugnani ausgebildeter Architekt – der auch in Berlin gebaut hat, neben dem verstorbenen Josef Paul Kleihues, seinem Mentor aus IBA-Tagen, als Mitentwerfer des „Kontorhauses Mitte“an der Friedrichstraße.

Nun ist er Chefjuror für das neu-alte Schloss. Ganz abtrünnig ist er nicht geworden: „Ein Gebäude aus Glas und Stahl kann ich mir dort auf keinen Fall vorstellen.“ Qualität wie Schlüter, die soll es schon sein. Bernhard Schulz

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