• PORTRÄT: WERNER FAYMANN, SPÖ-KANZLERKANDIDAT: "Das möchte ich nicht noch einmal erleben"

PORTRÄT: WERNER FAYMANN, SPÖ-KANZLERKANDIDAT : "Das möchte ich nicht noch einmal erleben"

Seit Werner Faymann Parteichef und Spitzenkandidat der österreichischen Sozialdemokraten ist, steigen die Chancen der zuletzt bei 20 Prozent dümpelnden Partei. Am nächsten Sonntag wird gewählt.

Markus Huber

Vor zwei Monaten hätte niemand gedacht, dass Werner Faymann in der Hochphase des österreichischen Nationalratswahlkampfs sich einmal einen solchen Satz erlauben könnte: Er sei zwar für eine Koalition mit der ÖVP, aber „so etwas wie in den letzten 18 Monaten möchte ich nicht noch einmal erleben“. Vor zwei Monaten hatte die ÖVP von Vizekanzler Wilhelm Molterer gerade die Regierungskoalition mit den Sozialdemokraten aufgekündigt und Neuwahlen provoziert. Die SPÖ mit ihrem unpopulären Kanzler Alfred Gusenbauer dümpelte in den Umfragen bei rund 20 Prozent, der Koalitionspartner war um zehn Prozentpunkte enteilt. Dann wurde Werner Faymann Parteichef und Spitzenkandidat seiner Partei – und nun hat er offenbar tatsächlich reale Chancen nach den Wahlen am kommenden Sonntag Wünsche äußern zu dürfen.

Dass bei dem Rennen zwischen den beiden noch-amtierenden Koalitionären die Sozialdemokraten allem Anschein nach die Nase knapp vorn haben, liegt wohl zu allererst an Faymann selbst. Der 48-jährige Wiener, in der amtierenden Regierung Infrastrukturminister, hat einen bravourösen Wahlkampf hingelegt. Er setzte dabei auf populäre Themen, eine Mehrwertsteuersenkung für Lebensmitteln gehört genauso dazu wie ein Infrastrukturpaket zur Ankurbelung der Konjunktur und die Abschaffung der Studiengebühren. Er versuchte sich dabei immer wieder als undogmatischer Macher zu präsentieren, der Politik nicht als Mittel zur gesellschaftlichen Veränderung begreift – sondern als Entscheidungseinheit der kleinen Schritte. Seit seiner Kandidatur als Spitzenkandidat wurde er deshalb nicht müde zu betonen, dass in Österreich „genug gestritten“ wurde. Diesen Slogan ließ er sogar auf seine Plakate schreiben, und offenbar zog er, vor allem nach der beinahe zweijährigen Koalitionskrise, die die Regierung von ÖVP und SPÖ gelähmt hatte. Dazu kommt, dass Faymann im Fernsehen wesentlich frischer wirkt als sein ÖVP-Widerpart Molterer.

Dass Faymann nun so gut in den Umfragen liegt, hat er aber wohl auch der „Kronen-Zeitung“ zu verdanken. Das Boulevard-Blatt seines Freunds Hans Dichand unterstützt Faymann seit er in der Politik tätig ist – und auch im laufenden Wahlkampf hat die „Krone“ keinen Hehl daraus gemacht, wen sie gerne als Kanzler sehen würde. Und auch, was für sie die größte Schreckensvorstellung am Wahlabend sein würde. Markus Huber

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