PORTRÄT WILFRIED KÜHN, ARCHITEKT: : "Schlossbedürfnis ist nicht Schlossbedarf“

Das Berliner Architektenbüro Kühn Malvezzi: In der Museumswelt sind sie so etwas wie die Stars eines dezidiert modernistischen, gleichzeitig formal strengen Umbaustils.

Christina Tilmann

Ja, doch, die Schloss-Jury hat einen Preis vergeben. Einen richtigen, eigenen aus voller Über       zeugung. Es ist der eigentlich nicht vorgesehene Sonderpreis, mit 60 000 Euro hoch dotiert, eigens geschaffen, um einen Entwurf zu prämieren, der sich dezidiert nicht an die Vorgaben der Ausschreibung gehalten hat – keine rekonstruierte Fassade! keine Kuppel! – und der am Sinn ihres Daseins vernehmlich zweifelnden Jury aus dem Herzen zu sprechen schien. Hier war die Möglichkeit, der Moderne Gerechtigkeit widerfahren zu lassen – und trotzdem so etwas wie ein Schlossgefühl aufkommen zu lassen.

Der Entwurf stammt vom Berliner Architektenbüro Kühn Malvezzi, die in der Museumswelt so etwas wie die Stars eines dezidiert modernistischen, gleichzeitig formal strengen Umbaustils sind. Bekannt geworden sind sie mit dem Umbau der Binding-Brauerei für die Documenta 11 in Kassel: ein Labyrinth weißer Gänge, ideal geeignet, die vielen Videoarbeiten aufzunehmen. In Berlin folgte der Umbau der Rieck-Hallen hinter dem Hamburger Bahnhof für die Sammlung von Friedrich Christian Flick – auch hier eine klassische Abfolge weißer Kuben, gleichsam aufgereiht an einem langen Gang, und akzentuiert durch eine skulpturale Treppe. Oder der Vorplatz für die Berlinische Galerie in Kreuzberg – ein gelbes Schachbrett aus Buchstaben und Künstlernamen.

Ob der Ausbau der Sammlung Berggruen in Berlin oder Julia Stoscheks Privatmuseum in Düsseldorf, Candida Hoefers Atelierhaus in Köln oder die Galerieräume für Neugerriemschneider in Berlin oder Michael Neff in Frankfurt: Das aus den Brüdern Wilfried und Johannes Kühn und Simona Malvezzi bestehende Büro in der Berliner Heidestraße ist gut vernetzt, was die internationalen Topadressen der Gegenwartskunst angeht. Man hätte ihnen eher einen Entwurf für die temporäre Kunsthalle auf dem Schlossplatz zugetraut als einen für das Schloss selbst.

Und doch: Auch dieser Entwurf zeigt die bekannten Qualitäten. Die Fassade des Schlosses ist aus Backstein gestaltet, in abstrahierender Form: Keine Säulen, Gesimse und Skulpturen. Stattdessen eine zeitgemäße Interpretation aus einem Material, das schon der Barock als Baustoff kannte. Und als Bekrönung keine Kuppel, sondern ein schwebendes Glasdach, das dem wuchtigen Bau Leichtigkeit und Eleganz verleiht. Vor allem aber: kein mühsames Nachbuchstabieren vorgegebener Formen, sondern eine eigene Handschrift. Christina Tilmann

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