PORTRÄT WILHELM MOLTERER ÖVP-CHEF: : „Die SPÖ ist führungs- und orientierungslos“

Manchmal kann auch ein Zwerg einen langen Schatten werfen – wenn die Lampe auf dem Boden steht.

Ingo Wolff

Vizekanzler und Finanzminister Wilhelm Molterer von der konservativen ÖVP ist in Österreich allein deshalb zur Lichtgestalt geworden, weil die Sozialdemokraten und ihr Kanzler Alfred Gusenbauer sich konsequent selbst demontiert haben. Der ÖVP-Chef hat gewarnt, er hat gedroht, und nun hat er als Erster Konsequenzen aus der wenig konsensfähigen Konstellation gezogen. Wilhelm Molterer benötigte keinen Brutus, der den Dolch führt. Er hat selbst den König endgültig vom wackelnden Thron gestoßen. Molterer hat die große Koalition beendet und Neuwahlen gefordert. „Ich kann nicht zulassen, dass die Krise der SPÖ eine Krise für Österreich wird.“

Damit ist der 53-Jährige aus dem großen Schatten seines Vorgängers Wolfgang Schüssel getreten. Molterer ist jetzt der starke Mann bei den Konservativen und vielleicht auch bald in ganz Österreich. Denn frühe Neuwahlen wären ein Vorteil für den Oberösterreicher, weil er die SPÖ so deutlich zum Sündenbock erklärt hat. Die SPÖ sei „orientierungs- und führungslos“. Sagt er, der selbst gerne Kanzler werden will. „Es reicht!“ So die Worte am Montag vor der vor allem über den eiligen Termin erstaunten Presse.

Ob es auch für ihn reicht, ist aber noch nicht ausgemacht. Der langjährige Landwirtschaftsminister ist erst seit 2007 in der vordersten Linie der österreichischen Politik. Ihm haftet noch immer das Image eines tüchtigen Sachbearbeiters an. Der oft predigerhaft wirkende Bartträger wird es nicht leicht haben, die Wählerherzen zu erobern. Denn die haben derzeit eine Schwäche für antieuropäische Töne, und Molterer möchte in Österreich für die europäische Perspektive stehen – anders als Gusenbauer, der bei Entscheidungen über wichtige neue EU-Verträge Referenden durchführen lassen wollte. Eine Position, die nicht weit weg ist von der FPÖ. Doch Molterer könnte diese rot-blauen Gedankenspielereien schnell beenden, wenn er seine Stärke als Alleskönner ausspielt. Und als sanfter Modernisierer seiner Partei. So hat er das Thema Homoehe offen angesprochen.

Zunächst wird er sich jetzt mit den Roten um die Grünen schlagen und möglicherweise am Ende doch wieder mit den Roten regieren. Dann als starker Bruder. Nach dem alten Grundsatz in Österreich: Die große Koalition ist tot, es lebe die große Koalition. Ingo Wolff

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