Porträt : "Wir leben doch in Deutschland“

Der Fußball-Nationalspieler Mesut Özil hat sich dafür entschieden, in der deutschen Mannschaft mitzuspielen und nicht für die Türkei anzutreten. Das kam beim türkischen Publikum nicht überall gut an. Ein Porträt.

Thomas Seibert
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Foto: dpa

Die Debatte um Mesut Özil wolle einfach nicht enden, berichtete die türkische Zeitung „Sabah“ am Dienstag. In den vergangenen Monaten war der 20-jährige Fußballer von Werder Bremen zu einem türkisch-deutschen Streitobjekt geworden. Am Mittwoch spielt Özil zum ersten Mal in der A-Nationalmannschaft von Bundestrainer Joachim Löw – damit entschied sich Özil gegen die türkische Mannschaft, deren Trainer Fatih Terim ebenfalls Interesse an ihm hatte.

Özils Entschluss für den Bundesadler und gegen den Halbmond kam beim türkischen Publikum nicht überall gut an. Andere Söhne türkischer Familien in Deutschland, wie die Brüder Halil und Hamit Altintop, tragen schließlich das rot-weiße Nationaltrikot der Türkei. Dass Özil dennoch den Deutschen den Vorzug gab, stößt am Bosporus und bei den Türken in der Bundesrepublik vielfach auf Unverständnis. Nach vielen Beleidigungen sperrte Özil kürzlich sogar das Gästebuch auf seiner Homepage. Das wiederum ging so manchem türkischen Fan zu weit. „Sollen wir ihn denn zum Landesverräter ausrufen?“, schrieb ein Leser von „Sabah“, der den Özil-Kritikern zu mehr Gelassenheit riet.

Obwohl Özil in Gelsenkirchen geboren wurde, in der „DJK Westfalia“ mit dem Fußball begann und inzwischen als Profi in der Bundesrepublik sein Geld verdient, gilt er in den Augen vieler seiner Landsleute dank seiner Herkunft immer noch als Türke. Dahinter steht die weit verbreitete Ansicht, dass die Auslandstürken in der Bundesrepublik zur Türkei gehören – egal, wie lange sie dort schon wohnen. „Wir leben doch seit drei Generationen in Deutschland“, verteidigte Özil seine Entscheidung in der türkischen Presse.

Ohnehin sollten sich die Türken mal ihre eigene Nationalmannschaft etwas genauer ansehen, sagt Ex-Stürmerstar Hakan Sükür, eine lebende Legende im türkischen Fußball. In der türkischen Elf spielt Mehmet Aurelio, der früher Marco Aurelio hieß und Brasilianer war. Als Aurelio vor drei Jahren eingebürgert und erstmals ins türkische Nationalteam berufen wurde, hagelte es ebenfalls Proteste der Nationalisten. Doch so sei es nun einmal im modernen Fußball, belehrt Sükür seine Landsleute. So ganz kann sich aber auch Sükür offenbar nicht vom alten Denken freimachen. Özil sei zwar in Deutschland geboren und habe die deutsche Kultur übernommen, sagt der Altstar: „Aber er hat nie in Abrede gestellt, dass er Türke ist.“ Thomas Seibert

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