• PORTRÄT WOLFGANG STAHL ZSCHÄPE-ANWALT:: „Wir drängen uns nicht in die Öffentlichkeit“

PORTRÄT WOLFGANG STAHL ZSCHÄPE-ANWALT: : „Wir drängen uns nicht in die Öffentlichkeit“

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Der NSU-Prozess ist geeignet, ein paar Irrtümer über das Justizgeschehen zu korrigieren. Dazu gehört die Rolle von Strafverteidigern. Natürlich sind sie Vertreter des Angeklagten, aber es ist nicht ihr Job, ihn um jeden Preis rauszuhauen. Vielmehr ist der Anwalt eine Art unabhängiger Wächter über die Rechtsförmigkeit und Fairness eines Strafprozesses. Das ist weit mehr, als bloß Beistand zu sein. Ein guter Anwalt kann ein hohes rechtsstaatliches Niveau garantieren. Eine wichtige Aufgabe, die bei den sogenannten Pflichtverteidigungen, wenn der Staat die Kosten trägt, vergleichsweise gering entlohnt wird.

Es ist daher nachvollziehbar, wenn Beate Zschäpes Anwalt Wolfgang Stahl nun einige zehntausend Euro mehr haben möchte, als die Kostenstellen der Justiz ihm zubilligen wollen. Seine Forderung ist angesichts des immensen Aufwands faktisch gerechtfertigt. Angesichts der Vorschriften und Erstattungspraxis erscheint sie jedoch hochgegriffen. Wer bei einem Pflichtmandat außerhalb der Verhandlungstage Mühe investieren muss, weiß, dass er im Ergebnis draufzahlt.

Natürlich wissen dies auch Wolfgang Stahl und seine Kollegen. Sie wissen ebenso, dass üblicherweise erst nach Prozessende abgerechnet wird, und vorher, wenn überhaupt, nur Abschläge bezahlt werden. Trotzdem haben sie sich darauf eingelassen. Durch ihren – am Donnerstag erwartbar abgelehnten – Befangenheitsantrag kommunizierten sie ihre finanzielle Bedrängnis nun in alle Öffentlichkeit. Sollte dies in der Hoffnung geschehen sein, Druck auszuüben, so zahlen sie nun einen Preis. Es wird klar, dass der Mammutprozess die Verteidiger wirtschaftlich an ihre Grenzen bringt. So ist denn ein weiterer Irrtum zu korrigieren: dass Anwälte sich um ein Mandat wie das Zschäpes reißen würden. Im Gegenteil, viele, sehr viele würden ablehnen. Dass man mit Zschäpe einer stigmatisierten „Nazi-Braut“ zur Seite steht, ist dabei das kleinste Problem.

Neben den Geldnöten hat die Öffentlichkeit nun einigen Einblick in das Verteidigerleben gewonnen; im Fall der Zschäpe-Anwälte auch, dass sie trotz Kostendrucks im Münchner „Vier Jahreszeiten“ logieren und in manchen Porträts und Interviews auftraten, als wäre der Anwaltsberuf gewissermaßen für sie erfunden worden. Ganz durchdacht wirkte das nicht immer. Den Richtern im NSU-Prozess dürfte klar werden, dass diese Verteidiger sie auch als Verbündete brauchen könnten, nicht nur als Gegner. Jost Müller-Neuhof

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