PORTRÄT WOLFGANG HERLES FERNSEHMODERATOR: : „Bücher, die ich mit aufs Klo nehme“

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Möglich, dass mancher ZDF-Zuschauer am heutigen Freitag um 23 Uhr ins Grübeln kommt. Den Moderator kenne ich doch, aber die Sendung? Der Moderator heißt Wolfgang Herles, seine bisherige Sendung, das Kulturmagazin „Aspekte“, hat er aufgegeben, von heute an und sechs Mal im Jahr präsentiert er „Das blaue Sofa“.

Um Literatur und nur um Literatur soll es gehen. Das ZDF, der Sender aus der Gutenberg-Stadt Mainz, hat ein traditionell enges Verhältnis zum gedruckten Wort – und ein akutes Problem. Was mit dem „Literarischen Quartett“ rund um Wortführer Marcel Reich-Ranicki und danach mit Elke Heidenreichs „Lesen!“ dem Zweiten Ruhm und Renommee, den besprochenen Büchern und Verlagen kräftige Auflagenschübe eingebracht hatte, das ist mit den „Vorlesern“, mit Amelie Fried und Ijoma Mangold, im Dezember 2010 abgebrochen.

Jetzt soll es Herles richten, mit dem „Blauen Sofa“. Seine Interviews auf dem Möbelstück sind „Aspekte“-erprobt. Das Sofa begleitet ihn, wenn er, wie in der Premiere, mit Roman-Debütant Sepp Bierbichler am Starnberger See spricht oder mit Ilja Trojanow auf dem Hintertuxer Gletscher über dessen Roman „Eistau“. Freunde der Literatur im Fernsehen werden sich an Dennis Schecks „Druckfrisch“ im Ersten erinnert fühlen.

Anders Herles, der auf Abgrenzung setzt: „Es wird etwas Unverwechselbares werden.“ Er will in einer Mischung aus Gespräch und Kritik belletristische Novitäten präsentieren, die keinen „lauwarmen“ Eindruck hinterlassen: „Bücher, die mich packen, die ich mit aufs Klo, ins Bett nehme, die mich zu spät zur Arbeit kommen lassen.“ Leidenschaft als Leitstern.

Herles ist 61, der promovierte Germanist könnte als Moderator des „Blauen Sofas“ und als Leiter der Redaktion Literatur auf die Zielgerade seiner ZDF-Karriere kommen. Die begann 1975 in Bonn, dort war der geborene Tittlinger Korrespondent des Bayerischen Rundfunks. Später kam er zur Innenpolitik des ZDF in Mainz, 1987 bis 1991 kamen stürmische Jahre, als Herles das ZDF-Studio in Bonn leitete. Hartnäckig halten sich Gerüchte, dass der damalige Kanzler Helmut Kohl den Einheits-Skeptiker Herles nicht länger vor der Nase haben wollte. Der machte anschließend vielerlei: mal Talkshow („live“), mal Politik (konzipierte „Bonn direkt“), kümmerte sich um Zukunftsfragen, drehte Porträts, wurde 2000 „Aspekte“-Chef.

Herles ist auch Autor. Sachbücher wie „Nationalrausch“ wechselten sich mit Romanen ab, gerade ist „Die Dirigentin“ erschienen. Natürlich ärgert sich Herles über Verrisse. Die soll es auch beim „Blauen Sofa“ geben, in der Sendung und über die Sendung. Man brauche ein „dickes Fell“, sagt der Journalist. Das gilt für Autoren wie Moderatoren. Joachim Huber

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