PORTRÄT WOLFGANG THIERSE POLITIKRENTNER: : „Nicht Paradies, nicht Hölle“

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Foto: TSP
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Als Wolfgang Thierse mit dem Tag der Einheit, dem 3. Oktober 1990, als Abgeordneter der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR auch Mitglied des gesamtdeutschen Bundestages wurde, hatte er gerade ein Jahr politisch-parlamentarischer Erfahrung mit dem Neuen Forum hinter sich – und wurde doch sofort eine mächtige Stimme im damals noch in Bonn amtierenden Parlament. Der gebürtige Breslauer, Jahrgang 1943, nach Vertreibung der Eltern im thüringischen Eisfeld aufgewachsen, beeindruckte nicht nur in der sozialdemokratischen Bundestagsfraktion.

Der studierte Germanist und Kulturwissenschaftler war ein geschliffener Debattenredner. Die Wahl zum Bundestagspräsidenten – das Amt füllte er von 1998 bis 2005 aus, 2005 bis 2013 war er Vizepräsident – empfand er zu Recht als den Höhepunkt seiner Karriere. Er gestaltete es selbstbewusst, nicht immer zur Freude der Union, die ihm wegen angeblicher Parteilichkeit bei der Wiederwahl 2002 ihre Stimmen verweigerte. Wenn Wolfgang Thierse seine Gäste an eines der Fenster des Präsidentenbüros geleitete, zeigte er stolz auf die Besucherschlangen auf dem Platz der Republik und strahlte: er, der Präsident des am meisten besuchten freien Parlaments der Welt. Dass er sich lange dagegen gesträubt hatte, dass dieses Parlament in einem Reichstag arbeitete, fand seinen Niederschlag bis heute auf den Hinweisschildern „Reichstag – Sitz des Bundestages“.

Keiner, der es nicht wusste, konnte sich vorstellen, dass Thierse in der DDR fast 20 Jahre lang eine eher stille Mittelbau-Laufbahn als Mitarbeiter am Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften hinter sich hatte. Dort überwinterte er nach der Entlassung aus der Abteilung Bildende Kunst des DDR-Kulturministeriums. Er hatte sich geweigert, die Ausbürgerung Wolf Biermanns zu unterstützen.

Der engagierte Katholik Thierse, den viele wegen eines gelegentlich pastoralen Anstrichs für einen aus der Reihe der protestantischen DDR-Bürgerrechts-Pfarrer hielten, ist überzeugter Europäer („Kontinent des Friedens“ nannte er die EU) und Demokrat mit nüchternem Urteil. Seinen DDR-Landsleuten sagte er 1990, sie kämen mit dem Beitritt zur Bundesrepublik „nicht ins Paradies, aber auch nicht in die Hölle“. Heute sitzt er bei der Konstituierung des neuen Bundestages auf der Gästetribüne – das hat er sich an seinem 70. Geburtstag zum Geschenk gemacht. Gerd Appenzeller

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