• PORTRÄT YOANI SANCHEZ, KUBANISCHE BLOGGERIN:: „Kuba braucht eine Injektion Kreativität“

PORTRÄT YOANI SANCHEZ, KUBANISCHE BLOGGERIN: : „Kuba braucht eine Injektion Kreativität“

In ihrem Blog, den sie in ihrer Hochhauswohnung über den Dächern Havannas schreibt, erzählt die 32-jährige Philologin Yoani Sanchez in ironischem Ton von den Beschwernissen des Alltags in der kubanischen Hauptstadt. Selbst das Regime befasst sich mit ihr.

Philipp Lichterbeck

Ein leichtes Schwindelgefühl gibt sie dann doch zu. Nicht im Traum hätte sich Yoani Sanchez diese rasante Entwicklung vorstellen können, als sie im März 2007 den Internetblog „Generacion Y“ startete. Denn nur ein Jahr später gilt die Kubanerin im Westen als die alternative Stimme ihres Landes. Sie hat den renommierten spanischen Literaturpreis Ortega y Gasset bekommen. Und das „Time“-Magazin zählt sie zu den „100 einflussreichsten Personen des Planeten“ in der Kategorie „Helden und Pioniere“.

In ihrem Blog (www.desdecuba.com/generaciony/), den sie in ihrer Hochhauswohnung über den Dächern Havannas schreibt, erzählt die 32-jährige Philologin in ironischem Ton von den Beschwernissen des Alltags in der kubanischen Hauptstadt. Wie schwierig es etwa ist, eine Zitrone aufzutreiben, wenn man erkältet ist. Oder wenn man von Staats wegen eine energiesparende Glühbirne verordnet bekommt, die nicht nur ein fahles Licht wirft, sondern auch nach drei Wochen schon kaputt ist. Es sind kleine, von Fotos begleitete Geschichten, mit denen Sanchez das Scheitern des kubanischen Sozialismus beweist.

Mittlerweile gibt es „Generacion Y“ auf Deutsch, Englisch, Französisch und Polnisch. Millionen Menschen haben die Seite besucht, jeder der Beiträge wird von Tausenden kommentiert. Nur auf Kuba selbst kann praktisch niemand „Generacion Y“ lesen. Es gibt dort nur wenige private Internetanschlüsse, die zudem extrem langsam sind. Weswegen Sanchez ihre Geschichten auch in den Touristenhotels von Havanna hochlädt. Sie selbst bezeichnet ihre Arbeit als „persönlichen Exorzismus“ und „Bürgerjournalismus“ und möchte keineswegs als Dissidentin verstanden werden. „Ich bin ein freies Elektron“, hat sie einmal gesagt. Der kubanische Staat hat Sanchez bisher eher in Ruhe gelassen, obwohl sie vermutet, dass sie überwacht wird.

Ignoriert wird sie vom Regime jedenfalls nicht. Fidel Castro hat sie als Werkzeug der „neokolonialen Presse“ beschimpft, und zur Verleihung des Ortega y Gasset in Spanien wurde ihr die Ausreisegenehmigung verweigert. Sanchez macht das keine Angst. Sie nennt Kuba „im Kern krank“ und fordert eine „Injektion Kreativität“. Ihr Mann, der Journalist Reinaldo Escobar, hat kürzlich in seinem Blog für sie geantwortet. Er schreibt, dass Sanchez im Gegensatz zu Castro nie Medaillen an die Brüste von „Diktatoren und Mördern“ geheftet hat.

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