• PORTRÄT YUKIO HATOYAMA, OPPOSITIONSFÜHRER IN JAPAN: "Was Japan am meisten braucht, ist Solidarität"

PORTRÄT YUKIO HATOYAMA, OPPOSITIONSFÜHRER IN JAPAN : "Was Japan am meisten braucht, ist Solidarität"

Seit dem Krieg regiert in Japan eine Partei: Damit könnte es am Sonntag vorbei sein.

Finn Mayer-Kuckuk

Japans voraussichtlich nächster Premier gibt sich volksnah, doch Hatoyama Yukio selbst       ist mit einem goldenen Löffel im Mund geboren. Er entstammt einer Politikerfamilie, die ihre Ursprünge bis auf den Samurai-Adel zurückverfolgen kann. Schon zu Kaisers Zeiten waren die Hatoyamas Abgeordnete und Parlamentspräsidenten. Hatoyamas Großvater war Premierminister. Die Familie besitzt große Aktienpakete des Reifenherstellers Bridgestone und wertvolle Immobilien in Tokio.

Umfragen sehen für diesen Mann und seine Demokratische Partei Japans (DPJ) einen Sieg bei einer Parlamentswahl am Sonntag voraus. Hatoyama würde damit Geschichte schreiben, denn es hat in Japan seit dem Krieg keinen echten Regierungswechsel gegeben. Der 62-Jährige hat es geschafft, sich als der Mann zu präsentieren, der das Leben der Japaner endlich wieder zum Besseren wandeln wird. Dafür will er vor allem auf höhere Sozialleistungen setzen.

In den Mittelpunkt seiner politischen Philosophie stellt er den Begriff „Solidarität“ oder „Brüderlichkeit“. Er fühlt sich stark beeinflusst von den Schriften des österreichischen Denkers Richard Coudenhove-Kalergi, Sohn eines ungarischen Grafen und einer Japanerin aus vornehmer Familie. Coudenhove-Kalergi ist in Europa zwar halb vergessen, aber bestimmt keine schlechte Wahl als Quelle politischer Ideen. Der Graf gilt als ein Vordenker des vereinigten Europa. Hatoyama sieht die EU als Vorbild für die Lösung der Probleme Ostasiens. Sein Vorbild ist John F. Kennedy, auch wenn Hatoyamas Charisma nicht an das des US-Präsidenten heranreicht. Weil die politischen Gegner ihm früher vorwarfen, zu weich zu sein, hat er diesmal den kompletten Wahlkampf mit grimmiger Miene bestritten. Bei Rededuellen gegen den derzeitigen Premier sprach er zwar mit gewohnt sanfter Stimme, doch ohne große Regung. Hatoyama hat den kompletten Wahlkampf durchgestanden, ohne nennenswerte Gefühlsregungen zu zeigen oder auch nur größere Gesten zu machen. Als Lieblingsessen gibt er an „die Gerichte, die meine Frau kocht“, und er hat einen Golden Retriever. Hatoyama ist also kein verkappter Revolutionär – und gerade das macht ihn für die Japaner so wählbar.

An der Universität hat Hatoyama Numerische Ingenieurwissenschaft studiert. Seit 1986 engagiert er sich in der Politik. Im Jahr 1993 trat er aus der konservativen Liberal-Demokratischen Partei (LDP) aus und gründete fünf Jahre später die DPJ mit. Finn Mayer-Kuckuk

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